#84: Sägen, schleifen, scheitern? Vom Tischler zum Unternehmer (Sommergespräche 2025)

Der Podcast

Vom Handwerker zum Unternehmer: Warum fachliches Können allein nicht reicht

“Das, was mein Chef da macht, das kann ich auch – oder sogar besser!” Dieser Satz fällt häufig, wenn erfahrene Handwerker über eine Selbstständigkeit nachdenken. Doch wie die “Leiwand gründen” Gründungsberatung zeigt, ist der Weg vom Angestellten zum erfolgreichen Unternehmer komplexer als gedacht. Eine Geschichte über Tischler, Schlosser und die unsichtbare Seite der Selbstständigkeit.

Die Werkstattgemeinschaft: Innovation im Handwerk

Ein Tischler hatte eine clevere Geschäftsidee: Anstatt alleine hohe Investitionen in Maschinen und Werkstätte zu stemmen, schloss er sich mit anderen Tischlern zu einer Werkstattgemeinschaft zusammen. Gemeinsame Nutzung von Equipment, geteilte Kosten, gegenseitige Unterstützung bei großen Aufträgen – ohne feste Anstellungen.

Diese innovative Herangehensweise zeigt, wie kreativ Handwerker mit den Herausforderungen der Selbstständigkeit umgehen können. Doch selbst bei so durchdachten Konzepten bleiben wichtige Fragen offen.

Was Gründungsberater (nicht) sind

Interessant ist oft die Wahrnehmung, was ein Gründungsberater eigentlich tut. Er ist nicht:

  • Die Gewerbeordnung (stellt keine Gewerbescheine aus)
  • Das Finanzamt (kann keine Steuern erlassen)
  • Eine Förderbank (verteilt keine Förderungen)
  • Die Sozialversicherung (bietet keine Versicherungen an)

Trotzdem fühlt man sich manchmal “wie ein Klotz am Bein” – bis der Mehrwert klar wird.

Der wahre Wert der Beratung

Im Fall des Tischlers wurde durch gezielte Fragen und Erfahrungsaustausch deutlich, wie wichtig es ist, am “Rahmen” der Selbstständigkeit zu arbeiten. Der Gründer erkannte, dass er zwar von seinen Kollegen fachlich lernen konnte, aber für sein eigenes Business spezifische Herausforderungen zu meistern hatte.

Die entscheidende Erkenntnis: Es reicht nicht, ein guter Handwerker zu sein – man muss auch ein guter Unternehmer werden.

Erfolgreich durch Spezialisierung: Der Sicherheitstüren-Spezialist

Ein anderes Beispiel aus der Beratungspraxis: Ein Schlosser, der sich auf Sicherheitstüren spezialisierte. Er hatte:

  • Alle nötigen Zertifikate
  • Eine klare Nischenstrategie
  • Ein durchdachtes Geschäftsmodell
  • Eigenes Mini-Netzwerk
  • Konkrete Marketing-Strategie

Sein Erfolgsgeheimnis: Er war nicht “der Schlosser für alles”, sondern der Experte für einen spezifischen Bereich. Er wusste genau, was er leisten konnte und was nicht.

Die unsichtbare Arbeit des Chefs

Das Grundproblem vieler Handwerker auf dem Weg in die Selbstständigkeit: Sie sehen nur die sichtbare Arbeit ihres Chefs. Was sie oft übersehen:

Die unsichtbaren Aufgaben:

  • Kundenakquise und Netzwerkaufbau (über Jahre aufgebaut)
  • Projektplanung und Koordination
  • Rechnungswesen und Buchhaltung
  • Angebotserstellung und Kalkulation
  • Mitarbeiterführung und -einteilung
  • Zertifikate und Weiterbildungen
  • Strategische Unternehmensführung

Vieles, was selbstverständlich erscheint, musste der Chef in 10, 20 oder 30 Jahren erst aufbauen.

Die drei Rollen des Selbstständigen

Nach Stefan Merath gibt es drei entscheidende Rollen in jedem Unternehmen:

Der Fachexperte: Macht die handwerkliche Arbeit Der Manager: Organisiert Abläufe und Prozesse
Der Unternehmer: Entwickelt Vision und Strategie

Als Angestellter war man meist nur in der ersten Rolle tätig. Als Selbstständiger muss man alle drei Rollen beherrschen – besonders als Solo-Selbstständiger.

Vom Angestellten zum Unternehmer: Der Rollenwechsel

Die Transformation ist tiefgreifend:

Als Angestellter:

  • Montag bis Freitag auf der Baustelle
  • Fokus auf fachliche Exzellenz
  • Klare Arbeitszeiten und Aufgaben
  • Jemand anderer kümmert sich um den “Rest”

Als Selbstständiger:

  • Projektplanung und Koordination
  • Kundenbetreuung und Akquise
  • Administrative Tätigkeiten
  • Strategische Entscheidungen
  • Risiko und Verantwortung

Der Markt für Betriebsübernahmen

Ein interessanter Trend: Viele erfahrene Mitarbeiter haben das Potenzial, kleinere Familienbetriebe zu übernehmen. Ihnen fehlt aber oft das Know-how für die Selbstständigkeit. Hier liegt ein wachsender Markt für professionelle Unterstützung.

Die Kundenfrage: Der Kern jeder Gründung

Egal wie gut die handwerklichen Fähigkeiten sind – ohne Kunden gibt es kein Überleben. Die entscheidenden Fragen:

  • Wie finden Kunden zu mir?
  • Wie unterscheide ich mich vom Wettbewerb?
  • Welchen Mehrwert biete ich?
  • Wie kommuniziere ich meine Leistungen?

Lektionen für angehende Handwerks-Unternehmer

Vor der Gründung:

  • Analysiere nicht nur die sichtbare, sondern auch die unsichtbare Arbeit deines Chefs
  • Entwickle ein klares Geschäftsmodell
  • Spezialisiere dich auf eine Nische
  • Sammle erste unternehmerische Erfahrungen

Nach der Gründung:

  • Arbeite bewusst an allen drei Rollen (Fachexperte, Manager, Unternehmer)
  • Investiere Zeit in Kundenakquise und Marketing
  • Baue systematisch dein Netzwerk auf
  • Vergiss nicht die Vogelperspektive auf dein Unternehmen

Das Geschäftsmodell im Fokus

Die zentrale Frage lautet immer: “Wie wird hier Geld verdient?” Diese Frage zu beantworten ist oft schwieriger als gedacht und erfordert eine ehrliche Analyse von:

  • Zielgruppe und Markt
  • Alleinstellungsmerkmalen
  • Preisgestaltung
  • Vertriebswegen
  • Kostenstruktur

Fazit: Respekt vor der unternehmerischen Leistung

Wenn ein Handwerksbetrieb schon lange erfolgreich am Markt ist, hat der Chef vieles richtig gemacht – auch wenn er vielleicht kein perfekter Chef ist. Diese Anerkennung kommt oft erst, wenn man selbst versucht hat, es genauso gut oder besser zu machen.

Der Schlüssel liegt darin, sowohl die fachliche als auch die unternehmerische Seite der Selbstständigkeit ernst zu nehmen.

Der Weg vom Handwerker zum Unternehmer ist eine spannende Reise – aber sie erfordert mehr als nur handwerkliches Können. Wer beide Seiten meistert, hat die besten Chancen auf nachhaltigen Erfolg.

Ein Wort zum Schluss

Die Selbstständigkeit im Handwerk bietet große Chancen – von innovativen Kooperationsmodellen bis hin zu spezialisierten Nischenmärkten. Wichtig ist, die Komplexität der unternehmerischen Aufgaben nicht zu unterschätzen und sich professionelle Unterstützung zu holen.

Übrigens: Wenn du als Handwerker mit einer Geschäftsidee spielst oder bereits ein laufendes Business hast und das Gefühl hast, dass ein externer Blick hilfreich wäre, dann melde dich bei uns. In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir gemeinsam auf dein Vorhaben und geben dir wertvolle Inputs für deinen Weg in die oder durch die Selbstständigkeit.

Die Links

Stefan Merath: Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer (das erwähnte Buch über die drei Rollen Fachkraft, Manager:in, Unternehmer:in) – Amazon

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#83: Wenn das Herz Ja sagt, aber der Taschenrechner Nein (Sommergespräche 2025)

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Wenn das Herz Ja sagt, aber der Taschenrechner Nein: Warum Zahlen manchmal Träume platzen lassen

Manchmal ist eine Geschäftsidee so schön, so durchdacht und so sinnvoll, dass man sie am liebsten sofort umsetzen möchte. Doch dann kommt der Moment der Wahrheit: die Kalkulation. Eine “Leiwand gründen” Geschichte über eine polnische Kreislerin zeigt, warum der Taschenrechner manchmal der härteste Kritiker ist – und warum das auch gut so ist.

Die Greisslerin: Ein Traum von Community und Nahversorgung

Eine sympathische Polin war mit ihrem Mann in ein neues Wiener Stadtentwicklungsgebiet gezogen. Ihre Beobachtung: Viele junge Familien, aber keine Nahversorgung. Im Erdgeschoss ihres Hauses stand eine Gewerbefläche leer – die perfekte Gelegenheit für eine moderne Kreislerei.

Die Vision war wunderschön: Ein kleiner Kaufmannsladen, der nicht nur Lebensmittel verkauft, sondern als Community-Treffpunkt fungiert. Mit einem kleinen Bistro, wo sich Nachbarn austauschen können. Eine Neuinterpretation der traditionellen Greisslerei als Herzstück des Grätzls.

Die Gründerin war perfekt geeignet: Offen, gesprächig, nett – genau der Typ Mensch, der eine solche Kreislerei zum Leben erwecken könnte.

Der Moment der Wahrheit: Zahlen haben keine Gefühle

Dann kam der Moment, wo Träume auf Realität treffen: die Kalkulation. Und hier zeigt sich eine unangenehme Wahrheit über Gründungsberatung – manchmal muss man Träume platzen lassen.

Das ernüchternde Ergebnis:

  • Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 8:00 bis 20:00 Uhr
  • Arbeitszeit: Jeden Tag, durchgehend
  • Personal: Nur die Gründerin und gelegentlich ihr Mann
  • Einkommen: Gerade mal “halbwegs akzeptabel”

Das Dilemma des Lebensmitteleinzelhandels

Die Mathematik des kleinen Lebensmittelhandels ist gnadenlos:

  • Geringe Margen aufgrund kleiner Einkaufsmengen
  • Konsumenten sind niedrige Preise gewohnt (Billa, Spar etc.)
  • Hohe Konkurrenz durch Großketten
  • Notwendige lange Öffnungszeiten für ausreichenden Umsatz

Das Resultat: Um zu überleben, müsste man sehr, sehr viel verkaufen und sehr, sehr lange arbeiten.

Geschäftsmodell vs. Lebensmodell

Das eigentliche Problem lag tiefer: Die Gründerin wollte nicht nur ein Business aufbauen, sondern auch eine Familie gründen. Das Geschäftsmodell “Kreislerei” passte nicht zum gewünschten Lebensmodell.

Der Konflikt:

  • Geschäftsmodell: 84 Stunden/Woche, 7 Tage die Woche
  • Lebensmodell: Zeit für Familie, Wochenenden frei

Als Gründungsberater blieb nur eine ehrliche Empfehlung: “Ich glaube, es ist besser, diese Gründung nicht zu verfolgen.”

Ähnliche Geschichten: Das Muster wiederholt sich

Der nachhaltige Lebensmittelhändler: Wollte ein Unverpackt-Laden eröffnen, komplett alleine führen und trotzdem genug Zeit für die Familie haben. Die Rechnung ging nicht auf – wer bestellt, wer putzt, wer verkauft, wenn er bei der Familie ist?

Die Unternehmensberaterin: Wollte sich selbstständig machen, aber ungern ständig auf Reisen sein. Ihr Geschäftsmodell erforderte jedoch permanente Reisetätigkeit.

Die harte Realität der Selbstständigkeit

Ein Business ist “wie ein kleines Kind” – es ist bedürftig, braucht Aufmerksamkeit und fordert diese auch ein. Wenn man diese Aufmerksamkeit nicht geben kann oder will, verkümmert das Unternehmen.

Wichtige Erkenntnisse:

  • Jede Selbstständigkeit hat ihren Preis
  • Ressourcen müssen verfügbar sein, um sie zu geben
  • Das “gesamte Spektrum” der Selbstständigkeit betrachten

Wenn die Realität zu spät kommt

Besonders tragisch wird es, wenn diese Erkenntnis erst nach Jahren der Selbstständigkeit kommt – wenn bereits hohe Summen in Geschäftslokal, Einrichtung und Waren investiert wurden. Dann hat der Lernprozess einen viel höheren Preis.

Die Bedeutung des richtigen Gesprächspartners

Problematische Ratgeber:

  • Andere Unternehmer (deren Lebenssituation ist anders)
  • Familie und Freunde (“Super Idee, mach einfach!”)
  • Menschen ohne Branchenerfahrung

Was fehlt: Jemand, der sich die Zahlen ansieht und ehrlich durchrechnet, ob das Geschäftsmodell zum Lebensmodell passt.

Lektionen für angehende Gründer

Vor der Gründung prüfen:

  • Passt das Geschäftsmodell zu meinem gewünschten Lebensstil?
  • Bin ich bereit, die notwendige Zeit und Energie zu investieren?
  • Sind meine Erwartungen an Arbeitszeiten und Einkommen realistisch?
  • Habe ich alle “versteckten” Aufgaben bedacht?

Ehrliche Kalkulation:

  • Realistische Umsatzprognosen
  • Alle Kosten berücksichtigen
  • Arbeitszeit ehrlich kalkulieren
  • Verschiedene Szenarien durchrechnen

Der schmerzhafte, aber notwendige Service

Als Gründungsberater manchmal “Nein” zu sagen, ist schmerzhaft – besonders bei so sympathischen Menschen mit guten Absichten. Aber es ist ein notwendiger Service.

Die Alternative wäre:

  • Falsche Hoffnungen wecken
  • Finanzielle Verluste riskieren
  • Jahre des Leidens in Kauf nehmen
  • Familie und Gesundheit gefährden

Nicht alle Träume sind schlechte Geschäftsideen

Wichtig zu verstehen: Eine Idee kann wunderbar und gesellschaftlich wertvoll sein, ohne ein gutes Business zu werden. Die Kreislerei wäre großartig für das Grätzl gewesen – aber kein nachhaltiges Geschäftsmodell für die Gründerin.

Alternativen finden

Manchmal lassen sich Geschäftsmodelle anpassen:

  • Online-Angebote statt Reiseberatung
  • Franchising statt Eigenständigkeit
  • Kooperationen zur Risikoteilung
  • Andere Zielgruppen oder Märkte

Fazit: Träume und Realität in Einklang bringen

Der Taschenrechner ist nicht der Feind der Träume – er ist ihr Realitätscheck. Eine ehrliche Kalkulation zu Beginn erspart später viel Leid und finanzielle Verluste.

Der Schlüssel liegt darin, Geschäfts- und Lebensmodell von Anfang an aufeinander abzustimmen.

Manchmal bedeutet das, eine schöne Idee aufzugeben. Manchmal bedeutet es, sie anzupassen. Aber immer bedeutet es, ehrlich zu sich selbst zu sein über das, was man wirklich leben möchte.

Ein Wort zum Schluss

Es gibt viele Unterstützungsstellen in Wien und Österreich, die bei solchen Entscheidungen helfen können. Der wichtigste Service ist oft nicht die Ermutigung, sondern die ehrliche Einschätzung.

Übrigens: Wenn du das Gefühl hast, dass ein klarer, ehrlicher Blick auf dein Geschäfts- und Lebensmodell hilfreich wäre, dann melde dich bei uns. In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir gemeinsam drauf – mit der nötigen Erfahrung und der Bereitschaft, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen, wenn sie dir langfristig helfen.

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#82: Donuts, Englischkurse & andere Luftschlösser (Sommergespräche 2025)

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Luftschlösser in der Gründung: Warum du deine Geschäftsidee vorher testen solltest

“Ich möchte Englischlehrer werden” – “Haben Sie schon mal unterrichtet?” – “No, not yet.” Diese Situation aus der “Leiwand gründen” Gründungsberatung zeigt ein weit verbreitetes Phänomen: Menschen wollen sich in Bereichen selbstständig machen, die sie noch nie ausprobiert haben. Was dahinter steckt und wie man es besser macht.

Der Irische Englischlehrer: Ein klassisches Beispiel

Ein sympathischer Ire, der aus Liebe nach Wien gekommen war, wollte seine Gastronomie-Karriere beenden. Nach Jahren im Irish Pub sehnte er sich nach geregelten Arbeitszeiten und weniger Stress. Seine Lösung: Englischkurse anbieten. Ein ressourcenbasierter Ansatz – schließlich ist er Muttersprachler.

Doch auf die Frage, ob er schon einmal unterrichtet habe, kam die ernüchternde Antwort: “No, not yet.” Auch sonst hatte er noch nie versucht, jemandem etwas beizubringen. Hier wollte sich jemand als Lehrer selbstständig machen, ohne je das Unterrichten ausprobiert zu haben.

Das Muster: Geschäftsideen ohne Praxiserfahrung

Diese Situation ist kein Einzelfall. Aus der Gründungsberatung kennt man ähnliche Szenarien:

Der Gebäudereiniger: Wollte Stiegenhäuser putzen, hatte aber noch nie ein sechsstöckiges Stiegenhaus von oben bis unten geputzt.

Der Donut-Verkäufer: Plante einen Imbissstand mit “geschmückten Donuts” (gekauft beim Metro und dann dekoriert), hatte aber noch nie in seinem Leben etwas gebacken oder dekoriert.

Der Lebensmittelhändler: Wollte einen Laden eröffnen, gab aber zu, nicht gerne mit Menschen zu reden.

Die Psychologie dahinter

Warum passiert das so häufig? Menschen sehen eine Geschäftsmöglichkeit und projizieren ihre Vorstellungen darauf, ohne die Realität zu testen. Sie fokussieren sich auf das Ergebnis (selbstständig sein, Geld verdienen) und übersehen den Prozess (die tägliche Arbeit).

Typische Denkfehler:

  • “Ich kann das schon irgendwie”
  • “Andere machen das auch”
  • “So schwer kann es nicht sein”
  • “Ich lerne das dann schon”

Das Herz der Gründungsberater

Für Gründungsberater sind solche Situationen besonders schmerzhaft. Da sitzt ein netter Mensch mit guten Absichten, der sich beruflich verändern möchte – aber die Geschäftsidee ist praktisch zum Scheitern verurteilt. Das Dilemma: Wie ehrlich kann man sein, ohne den Traum zu zerstören?

Der Lernprozess: Scheitern als Chance

Manchmal ist es wichtig, dass Menschen selbst herausfinden, ob ihre Idee funktioniert. Besonders wenn nicht viel Geld im Spiel ist, kann “Learning by Doing” wertvoll sein. Der Lerneffekt einer Gründung – auch einer gescheiterten – ist oft unbezahlbar.

Aber: Bei hohen Investitionen (100.000 Euro Bankkredit) muss man sich dreimal überlegen, ob das Risiko vertretbar ist.

Die Lösung: Vorher testen, dann gründen

Bevor du dich in einem Bereich selbstständig machst, solltest du die Tätigkeit ausgiebig testen:

Praktische Schritte:

  • Stiegenhaus putzen? Putz erst mal ein sechsstöckiges Stiegenhaus!
  • Donuts verkaufen? Back und dekoriere erst mal Donuts!
  • Englisch unterrichten? Gib erst mal Nachhilfe oder biete kostenlosen Unterricht an!

Einfache Wege zum Testen

Schnuppertage: Fast jeder Beruf lässt sich durch Schnuppertage erkunden.

Ehrenamtliche Tätigkeit: Viele Vereine bieten Möglichkeiten, neue Fähigkeiten auszuprobieren.

Anstellung vor Selbstständigkeit: Arbeite erst ein halbes Jahr angestellt in dem Bereich. Wenn es dir nach sechs Monaten immer noch gefällt, dann mach dich selbstständig. In der Lernphase wirst du sogar bezahlt!

Nebentätigkeit: Teste deine Geschäftsidee erst mal nebenbei, bevor du den Hauptjob aufgibst.

Skin in the Game

Wie Vera Birkenbihl es ausdrückte: Du brauchst “Skin in the Game” – echte Erfahrung in dem Bereich, in dem du dich selbstständig machen willst. Diese Erfahrung ist Gold wert, egal ob du später eine berufliche Karriere oder eine Selbstständigkeit darauf aufbaust.

Ehrliche Selbstreflexion

Frage dich ehrlich:

  • Habe ich die Tätigkeit schon mal gemacht?
  • Macht sie mir Spaß?
  • Kann ich mir vorstellen, das jahrelang zu tun?
  • Bin ich gut darin?
  • Gibt es einen Markt dafür?

Es geht nicht darum, dass die Arbeit dich glücklich machen muss – aber sie sollte dir zumindest liegen und du solltest sie dir über Jahre hinweg vorstellen können.

Die Realität der Selbstständigkeit

Selbstständigkeit ist mehr als nur die fachliche Tätigkeit. Du musst auch:

  • Kunden akquirieren
  • Rechnungen schreiben
  • Marketing betreiben
  • Buchführung machen
  • Mit Behörden kommunizieren

Auch diese Aspekte solltest du vor der Gründung durchdenken.

Fazit: Träume sind wichtig – aber teste sie

Jeder Mensch sollte sich einmal im Leben selbstständig machen, weil es die beste Persönlichkeitsentwicklung ist, die es gibt. Aber mach es klug: Teste deine Idee vorher ausgiebig, sammle Erfahrungen und lerne den Markt kennen.

Der Schlüssel liegt darin, zwischen Träumen und Realität zu unterscheiden – und die Realität vorher zu testen.

Träume sind wichtig und berechtigt. Aber sie sollten auf einem soliden Fundament aus Erfahrung und Können stehen. Dann werden aus Luftschlössern echte, erfolgreiche Unternehmen.

Ein Wort zum Schluss

Eine Geschäftsidee zu haben ist nur der erste Schritt. Sie zu testen, zu verfeinern und auf einem soliden Erfahrungsschatz aufzubauen, ist der Weg zum Erfolg. Nimm dir die Zeit dafür – sie ist gut investiert.

Übrigens: Wenn du eine Geschäftsidee hast und diese gerne einmal reflektieren möchtest, oder wenn du dir Feedback wünschst, dann melde dich bei uns. In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir gemeinsam, ob deine Idee Hand und Fuß hat und wie du sie am besten testen kannst.

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#81: Die verrückteste Gründungsidee ever? (Sommergespräche 2025)

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Warum unkonventionelle Gründungen oft lehrreicher sind

Was macht eine Gründung wirklich außergewöhnlich? Manchmal sind es nicht die innovativsten Technologien oder die disruptivsten Geschäftsmodelle, sondern einfach Ideen, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Eine “Leiwand gründen” Gründungsberatung mit einem Sexpuppenverleih zeigt, wie wichtig es ist, Geschäftsideen nicht vorschnell zu bewerten – und was man aus jedem Gründungsprojekt lernen kann.

Die Macht der opportunistischen Gründung

Bei der wohl außergewöhnlichsten Gründung in der Beratungspraxis handelte es sich um einen jungen Unternehmer, der einen Sexpuppenverleih etablieren wollte. Auf den ersten Blick mag das skurril klingen, doch dahinter steckte eine professionelle Marktanalyse und ein durchdachtes Geschäftskonzept.

Der Gründer war ein klassisches Beispiel für eine opportunistische Gründung: Er hatte persönlich kein Interesse an dem Produkt, erkannte aber eine Marktlücke. Seine Analyse zeigte, dass es in Deutschland bereits einen Anbieter gab, in Österreich jedoch noch nicht. Die Zielgruppe war klar definiert und über spezielle Foren leicht erreichbar.

Das Geschäftsmodell: Einfach in der Theorie, komplex in der Praxis

Die Grundidee schien bestechend einfach: Anstatt teure Sexpuppen zu kaufen, könnten Kunden diese on-demand bestellen – ähnlich wie eine Pizza. Das Geschäftsmodell war klar strukturiert:

  • Umsatzmodell: Verleihgebühr plus Zuschlag für Expressbestellungen 
  • Zielgruppe: Gut erreichbar über spezielle Online-Foren 
  • Marktposition: Pionier in einem unerschlossenen österreichischen Markt

Wenn die Realität die Theorie einholt

Doch wie so oft bei Gründungen zeigte sich erst in der Umsetzung, wo die wahren Herausforderungen lagen. Das größte Problem war nicht die Nachfrage oder die Vermarktung, sondern die Leistungserstellung selbst.

Die unerwarteten Herausforderungen:

  • Intensive Reinigung und Aufbereitung nach jeder Verwendung
  • Reparaturen und Wartung der Produkte
  • Hygienische Standards und Qualitätssicherung
  • Hoher Zeitaufwand für die Wiederherstellung

Was ursprünglich als relativ passives Einkommen gedacht war, entpuppte sich als arbeitsintensives Reinigungsgeschäft. Der Gründer stellte fest, dass sein eigentlicher Job das professionelle Reinigen von Sexpuppen war – eine Tätigkeit, die nicht seinen ursprünglichen Vorstellungen entsprach.

Der Prestigefaktor: Wenn das Business das Image prägt

Ein weiterer interessanter Aspekt war die Frage des Images. Der Gründer wollte nicht in seinem Bekanntenkreis als “der mit dem Sexpuppengeschäft” bekannt werden. Das führte zu praktischen Problemen:

  • Anonymisierung des Impressums auf der Website
  • Sorge um die Online-Reputation
  • Auswirkungen auf das persönliche und berufliche Umfeld

Diese Überlegungen zeigen, dass bei jeder Gründung auch die persönlichen Konsequenzen mitgedacht werden müssen.

Die Lösung: Geschäftsmodell-Pivot

Anstatt das Projekt komplett aufzugeben, entwickelte der Gründer sein Geschäftsmodell weiter. Er wechselte vom Verleih zum Handel und nutzte sein erworbenes Branchenwissen für den klassischen Verkauf. Dabei erkannte er auch, warum es den Verleih bisher nicht gab – die praktischen Herausforderungen waren einfach zu groß.

Learnings für Gründer und Berater

Diese außergewöhnliche Gründung brachte wichtige Erkenntnisse:

Für Gründer:

  • Marktlücken haben oft einen guten Grund
  • Das eigentliche Business kann sich während der Umsetzung völlig verändern
  • Geschäftsmodelle müssen flexibel anpassbar sein
  • Persönliche Konsequenzen sollten von Anfang an mitgedacht werden

Für Berater:

  • Keine Geschäftsidee vorschnell bewerten oder abschreiben
  • Zuhören und Raum für Reflexion schaffen
  • Professionelle Vorbereitung ist wichtiger als die Idee selbst
  • Jede Gründung birgt wertvolle Lernmöglichkeiten

Die Kunst des Zuhörens

Ein guter Gründungsberater zeichnet sich dadurch aus, dass er auch ungewöhnliche Ideen ernst nimmt und sie nicht vorschnell bewertet. Oft werden Dinge klarer, wenn man sie ausspricht – und allein das Zuhören kann bereits ein wertvoller Beitrag sein.

Der Fokus liegt nicht auf der Bewertung der Idee, sondern auf der Begleitung des Prozesses. Es geht darum, dem Gründer Impulse für weitere Handlungsoptionen zu geben und bei der Reflexion zu unterstützen.

Das eiserne Gesetz des Marktes

Letztendlich gilt: Alles, was gebraucht wird, besteht am Markt. Alles, was nicht gebraucht wird, verschwindet wieder. Wenn es für eine Idee einen Markt gibt, dann gibt es auch Kunden, die davon profitieren. Die Herausforderung liegt in der professionellen Umsetzung und der realistischen Einschätzung aller Faktoren.

Fazit: Keine Idee ist zu außergewöhnlich

Diese Geschichte zeigt, dass selbst die ungewöhnlichsten Geschäftsideen ihre Berechtigung haben können, wenn sie professionell durchdacht und umgesetzt werden. Wichtig ist, offen zu bleiben, flexibel zu reagieren und aus jeder Erfahrung zu lernen.

Der Schlüssel liegt darin, Geschäftsideen nicht nach ihrer Außergewöhnlichkeit zu bewerten, sondern nach ihrer Durchdachtheit und Umsetzbarkeit.

Manchmal führen die kuriosesten Ideen zu den wertvollsten Erkenntnissen – sowohl für Gründer als auch für ihre Berater.

Ein Wort zum Schluss

Unkonventionelle Geschäftsideen können durchaus erfolgreich sein – aber sie brauchen eine realistische Planung und die Bereitschaft, das Geschäftsmodell anzupassen, wenn die Realität andere Herausforderungen bringt als ursprünglich gedacht.

Übrigens: Wenn auch du eine ungewöhnliche Geschäftsidee hast, über die du dich mit niemandem zu sprechen traust – wir sind neugierig! In einem kostenlosen Gründungs-Checkup schauen wir uns gemeinsam an, ob deine außergewöhnliche Idee das Potenzial für ein erfolgreiches Business hat.

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#80: Zwischen Applaus und Einnahmen: Musiker gründen anders (Sommergespräche 2025)

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Musiker gründen anders: Die besonderen Herausforderungen kreativer Selbstständigkeit

“Musiker gründen anders” – diese Erkenntnis aus der Gründungsberatungspraxis bringt die Besonderheiten kreativer Selbstständigkeit auf den Punkt. Was macht eine Gründung in der Musikbranche so einzigartig? Welche Herausforderungen erwarten angehende Musikunternehmer und wie lassen sich diese meistern?

Die Realität der Musikbranche

Wer als Musiker, Sängerin oder Tontechniker den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, betritt ein Terrain mit ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Anders als in klassischen Branchen funktionieren hier die bewährten BWL-Konzepte oft nicht. Die Musikszene tickt fundamental anders – und das spüren Gründungsberater wie Gründer gleichermaßen.

Das Finanzierungsdilemma: Wenn Leidenschaft auf Realität trifft

Eine der größten Herausforderungen liegt in der Finanzierungsstruktur der Branche. Selbst bekannte Künstler haben nicht automatisch ein gesichertes Einkommen. Die Realität sieht oft so aus: Budgets sind knapp, Honorare niedrig und Investitionen in professionelle Dienstleistungen wie Marketing oder Beratung kaum möglich.

Typische Szenarien in der Musikbranche:

  • Solokünstler, die bei mehreren Vereinen als Substitute arbeiten
  • Musiklehrerinnen mit Stunden an verschiedenen Schulen
  • Tontechniker mit eigenem Equipment-Verleih
  • Opernsänger mit zusätzlichem Business-Standbein
  • Bandmitglieder mit parallelen Einkommensquellen

Die Kunst des “Anderen Standbeins”

Fast alle erfolgreichen Musikgründungen haben eines gemeinsam: Sie benötigen eine zusätzliche Einkommensquelle. Das ist keine Schwäche, sondern schlicht Realität. Die Opernsängerin, die sich ein zweites Business aufbaut, um ihre Kunst zu finanzieren, handelt strategisch klug.

Besondere Herausforderungen für Musikunternehmer

Der Übungsaufwand: Zeit für Proben und Üben lässt sich nicht in Rechnungen einpreisen, ist aber essentiell für die Qualität.

Nicht skalierbare Leistungen: Ein Auftritt bleibt ein Auftritt – anders als bei digitalen Produkten gibt es hier keine Skalierungseffekte.

Projektbasierte Honorare: Oft wird für eine zweistündige Performance bezahlt, nicht für die wochenlange Vorbereitung.

Equipment und Technik: Investitionen in Instrumente oder Technik müssen sich über unregelmäßige Einnahmen amortisieren.

Der emotionale Aspekt: Höhen und Tiefen der kreativen Selbstständigkeit

Künstlerische Gründer durchleben oft intensivere emotionale Schwankungen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit. Die ständige Hinterfragung “Gründen oder nicht gründen?” ist typisch für diese Branche. Hier können systemische Beratungsansätze wie die Tetralemma-Aufstellung helfen, Klarheit zu gewinnen.

Der große Vorteil: Unerschütterlicher Purpose

Was Musikerinnen und Künstler als enormen Vorteil haben, ist ihr klarer “Warum”. Wenn sie auf der Bühne stehen, ihre Musik spielen oder ihr Publikum begeistern, wissen sie genau, wofür sie alle Schwierigkeiten in Kauf nehmen. Dieser starke Purpose trägt sie durch schwierige Phasen.

Erfolgsfaktoren für die Musikgründung

Realistische Planung: Akzeptiere, dass der Weg länger dauert und ein zusätzliches Standbein meist notwendig ist.

Netzwerk aufbauen: Connections sind in der Musikbranche besonders wichtig – investiere Zeit in Beziehungen.

Flexibilität entwickeln: Sei bereit, verschiedene Einkommensquellen zu kombinieren.

Professionelle Unterstützung: Hol dir Hilfe bei Bereichen wie Steuern, Marketing oder Businessplanung.

Verschiedene Wege zum Erfolg

Jeder Musikunternehmer muss seinen individuellen Weg finden. Was für den einen funktioniert, passt nicht zwangsläufig zum anderen. Wichtig ist, ehrlich zu sich selbst zu sein und die eigenen Stärken und Grenzen zu kennen.

Fazit: Anders gründen heißt nicht schlechter gründen

Eine Gründung in der Musikbranche ist zweifellos herausfordernd – aber keineswegs zum Scheitern verurteilt. Mit der richtigen Herangehensweise, realistischen Erwartungen und professioneller Unterstützung lassen sich auch in diesem speziellen Umfeld erfolgreiche Unternehmen aufbauen.

Der Schlüssel liegt darin, die Besonderheiten der Branche zu akzeptieren und darauf aufbauend eine individuelle Strategie zu entwickeln.

Wer als Musiker, Sängerin oder anderer Kunstschaffender mit dem Gedanken der Selbstständigkeit spielt, sollte sich bewusst machen: Du gründest anders – und das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist nur, dass du deinen ganz eigenen Weg findest und gehst.

Ein Wort zum Schluss

Eine kreative Selbstständigkeit kann der perfekte Weg sein, um deine künstlerischen Träume zu verwirklichen – aber sie ist kein Selbstläufer. Wichtig ist eine realistische Einschätzung deiner Situation und eine sorgfältige Planung, die die Besonderheiten der Musikbranche miteinbezieht.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup analysieren wir gemeinsam, ob eine Selbstständigkeit als Künstler der richtige Weg für dich ist. Lass uns zusammen herausfinden, welches Modell optimal zu deiner kreativen Vision und Lebenssituation passt!

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