#79: Ein Atelier, zwei Standbeine – Pippa Parragh über Siebdruck, Selbstständigkeit und Struktur

Der Podcast

Better Done Than Perfect: Vom Workshop in der Dusche zum eigenen Siebdruck-Atelier

Manchmal beginnt eine Liebesgeschichte mit einem einzigen Workshop. Bei Pippa Parragh war es ein Siebdruck-Workshop vor zehn Jahren, der den Grundstein für ihr heutiges erfolgreiches Atelier legte. Ihre Geschichte zeigt eindrucksvoll, wie aus einer Leidenschaft eine nachhaltige Selbstständigkeit werden kann – und warum “Better Done Than Perfect” oft der bessere Weg ist.

Vom Hobby zur Profession: Ein zehn Jahre langer Weg

Pippas Reise begann, wie viele Erfolgsgeschichten: mit Neugier. “Ich war schon davor irgendwie so komisch interessiert am Siebdruck, weil ich es noch nicht ausprobiert hatte”, erzählt sie. Ein Workshop vor zehn Jahren wurde zur Initialzündung – sie verliebte sich sofort in diese alte Handwerkskunst.

Doch statt überstürzt zu gründen, ging sie den methodischen Weg: von der Praktikantin zur Druckassistentin, dann zur Hauptdruckerin, später Arbeit in verschiedenen Werkstätten. Diese Jahre der Ausbildung und des Sammelns von Erfahrungen erwiesen sich als unschätzbar wertvoll für ihre spätere Selbstständigkeit.

Der kreative Start: Siebdruck in der Dusche

Bevor Pippa ihr professionelles Atelier eröffnete, richtete sie sich zu Hause ihre erste kleine Werkstatt ein – in der Dusche. “Das hat alles tiptop funktioniert. Aber war natürlich auch immer ein bisschen ein Aufwand, erstens nachher die Dusche wieder zu putzen”, schmunzelt sie heute.

Diese Phase zeigt: Man muss nicht gleich mit der perfekten Ausstattung starten. Kreativität und der Mut zum Beginnen sind oft wichtiger als die idealen Rahmenbedingungen. Selbst mit einem kleinen Hochdruckreiniger ließ sich das Setup realisieren.

Das Siebdruck-Atelier: Handwerk im 6. Bezirk

Heute betreibt Pippa ihr eigenes Siebdruck-Atelier im 6. Wiener Bezirk, wo sie ausschließlich Handsiebdruck praktiziert – ohne Maschinen, nur mit eigener Kraft und traditioneller Technik. Ihr Angebot umfasst zwei Hauptbereiche:

Auftragsarbeiten

  • Zusammenarbeit mit KünstlerInnen, DesignerInnen und Kulturinstitutionen
  • Vom Band-Shirt bis zur hochwertigen Edition auf Papier
  • Individuelle Lösungen für verschiedenste Druckträger

Workshops

  • Monatliche Workshops für Interessierte jeden Alters (17-50 Jahre)
  • Vermittlung der Siebdruck-Technik
  • Begleitung vom ersten Entwurf bis zum fertigen Produkt

Das Erfolgsrezept: Zwei Standbeine

Eine besondere Stärke von Pippas Geschäftsmodell liegt in der Kombination zweier Standbeine: neben ihrem Atelier unterrichtet sie ein bis zwei Tage pro Woche an einer Universität – ebenfalls Siebdruck.

Die Vorteile dieser Kombination:

  • Struktur und Freiheit: “Das eine Standbein gibt mir Struktur, dadurch schätze ich die anderen drei Tage noch viel mehr”
  • Finanzieller Puffer: Fixes Einkommen reduziert den Druck auf jeden einzelnen Auftrag
  • Qualitative Auswahl: “Ich bin nicht auf jeden Auftrag angewiesen” – das ermöglicht wählerischer zu sein
  • Synergie-Effekte: Workshop-Abläufe können in beiden Bereichen perfektioniert werden

Dokumentation als Marketing-Tool

Ein Schlüssel zu Pippas erfolgreichem Start war die konsequente Dokumentation ihres Aufbaus auf Instagram. “Ich habe von Anfang an voll viel gepostet und den ganzen Aufbau von der Werkstatt hergezeigt”, erklärt sie.

Diese Strategie brachte mehrere Vorteile:

  • Frühe Kundenbindung durch “Mitnahme” auf der Reise
  • Authentische Einblicke in den Entstehungsprozess
  • Wertvolle Dokumentation der eigenen Entwicklung
  • Aufbau einer Community von Interessierten

Die Magie der Workshops: Mehr als nur Technik

Was Pippa an ihren Workshops besonders schätzt, geht über die reine Wissensvermittlung hinaus: “Ich sehe immer noch dieses Glitzern in ihren Augen, wenn sie sich jedes Mal freuen, dass das, was sie sich vorher überlegt haben, dann auf einem T-Shirt ist.”

Die Workshops schaffen:

  • Haptische Erfahrungen abseits der digitalen Welt
  • Stolz und Erfolgserlebnisse bei den Teilnehmern
  • Gruppendynamik zwischen völlig fremden Menschen unterschiedlichen Alters
  • Gemeinschaftsgefühl und gegenseitige Unterstützung

Herausforderungen im dritten Jahr

Nach drei Jahren Selbstständigkeit reflektiert Pippa ehrlich über neue Herausforderungen:

Der nachlassende Anfangsschwung

“Es ist sicher ein Unterschied im dritten Jahr als beim ersten, weil man diesen Schwung vom Anfang nicht mehr hat.” Das ständige Dokumentieren des Neuen wird schwieriger, wenn die Abläufe etabliert sind.

Bewusste Weiterentwicklung

Um dem entgegenzuwirken, entwickelt Pippa neue Formate: limitierte Kunsteditionen mit KünstlerInnen, die die Grenzen des Siebdrucks ausloten. “Mir soll ja nicht langweilig werden, weil ich das machen will.”

Better Done Than Perfect: Der wichtigste Rat

Pippas wichtigster Tipp für angehende Selbstständige: “Better Done Than Perfect. Vor allem in Bezug auf Sachen herzeigen.” Statt endlos zu perfektionieren, empfiehlt sie:

  • Einfach machen und zeigen
  • Nicht zu viel Zeit in die Perfektion eines einzelnen Posts investieren
  • Lieber mehr Content produzieren als weniger perfekten
  • Durch das Zeigen lernen, was die Menschen interessiert

Strategien für Zwei-Standbein-Modelle

Aus Pippas Erfahrung ergeben sich wertvolle Erkenntnisse für andere Gründer:

Empfehlenswerte Kombinationen:

  1. Synergie-Modell: Beide Standbeine sehr ähnlich (wie bei Pippa)
  2. Kontrast-Modell: Standbeine völlig verschieden (z.B. Kreativarbeit + Café-Job)

Zu vermeiden:

  • Zwei emotional und energetisch sehr anspruchsvolle Standbeine
  • Kombinationen ohne klare Abgrenzung oder Synergie

Innovation und Weiterentwicklung

Pippa zeigt, wie wichtig es ist, das eigene Business kontinuierlich weiterzuentwickeln. Ihre limitierten Kunsteditionen sind ein Beispiel dafür, wie man:

  • Die eigene Expertise erweitert
  • Neue Zielgruppen erschließt
  • Das Geschäftsmodell interessant hält
  • Kreative Grenzen auslotet

Ein Wort zum Schluss

Pippas Geschichte illustriert mehrere wichtige Prinzipien erfolgreicher Selbstständigkeit: die Bedeutung einer soliden Ausbildung, den Mut zum kreativen Start, die Kraft der Dokumentation und die Weisheit, Perfektion nicht zum Feind des Fortschritts werden zu lassen.

Ihr Weg vom Workshop in der heimischen Dusche zum etablierten Atelier im 6. Bezirk zeigt: Mit Leidenschaft, Ausdauer und der richtigen Balance zwischen Sicherheit und Risikobereitschaft lassen sich auch traditionelle Handwerke erfolgreich in die Moderne überführen.

Für alle, die mit einer eigenen Geschäftsidee liebäugeln, ist Pippas wichtigste Botschaft klar: “Better Done Than Perfect” – und einfach anfangen.

Übrigens: Falls du selbst mit einer handwerklichen oder kreativen Geschäftsidee spielst, unterstützen wir dich gerne in einem kostenlosen Gründungs-Checkup dabei, die richtige Strategie für deinen Start zu entwickeln!

Die Links

Kontakt zu Pippa Parragh:

  1. www.siebdruckatelier.at – Pippas Website
  2. Instagram-Account von Pippa
  3. LinkedIn-Profil von Pippa

Erwähntes Buch:

  • “Siebdruck zu Hause” von Pippa Parragh, erschienen im Verlag Hermann Schmidt (2021) (Amazon)

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#78: Ist Gründen mit 40 das neue 30?

Der Podcast

Ist Gründen mit 40 das neue 30? Der Trend der Midlife-Founder

Während Startups und junge Gründer medial viel Aufmerksamkeit bekommen, entwickelt sich still und leise ein anderer Trend: Immer mehr Menschen um die 40 machen sich selbstständig. Diese “Midlife-Founder” bringen andere Voraussetzungen mit als die typischen 20-jährigen Gründer – sowohl Herausforderungen als auch einzigartige Vorteile.

Das Phänomen der Midlife-Founder

Wer sind diese Menschen, die mitten in der Karriere noch einmal neu anfangen? Es sind oft erfolgreiche Angestellte zwischen 35 und 45 Jahren, die eine beachtliche Laufbahn hinter sich haben. Sie stehen an einem Punkt, wo sie sich fragen: “Wie geht es jetzt weiter? Was will ich noch vom Leben? Welche neuen Herausforderungen suche ich?”

Diese Gruppe zeichnet sich durch besondere Charakteristika aus:

  • Sie haben bereits Karriere gemacht und waren erfolgreich im Job
  • Die Selbstständigkeit schwirrt oft schon jahrelang im Kopf herum
  • Sie suchen neue Herausforderungen und mehr Sinnhaftigkeit
  • Oft kommen sie zu der Erkenntnis: “Das könnte ich selbst (besser) machen”

Die besonderen Herausforderungen

1. Die Lebenssituation

Mit 40 steckt man oft mitten in einer komplexen Lebensphase:

  • Kinder im schulpflichtigen Alter
  • Hausbau oder Immobilienfinanzierung
  • Etablierte Lebensstile und höhere Lebenshaltungskosten
  • Weniger Risikobereitschaft durch Verpflichtungen

Diese Faktoren machen es schwieriger, das Risiko einer Gründung einzugehen, besonders wenn gleichzeitig andere große finanzielle Belastungen anstehen.

2. Das “Angestellten-Mindset”

Nach 20 Jahren erfolgreicher Angestelltentätigkeit hat man bestimmte Spielregeln verinnerlicht:

  • Wie funktioniert Hierarchie?
  • Wie agiert man erfolgreich im Unternehmen?
  • Welche Verhaltensweisen führen zu Beförderungen?

Das Problem: In der Selbstständigkeit gelten völlig andere Regeln. Was einen 20 Jahre lang erfolgreich gemacht hat, kann in der Selbstständigkeit sogar hinderlich sein:

  • Kundenkommunikation funktioniert anders als interne Kommunikation
  • Selbstmanagement statt Fremdführung
  • Eigenverantwortung für alle Entscheidungen
  • Direkter Umgang mit Risiko und Unsicherheit

3. Der Neuanfang als “Lehrling”

Trotz jahrzehntelanger Berufserfahrung muss man in vielen Bereichen wieder von vorn anfangen. Dieses “Umlernen” oder teilweise sogar “Verlernen” braucht Zeit und kann frustrierend sein, wenn die Dinge nicht so schnell vorangehen wie erhofft.

Die einzigartigen Vorteile

1. Ein reichhaltiger Fundus an Erfahrungen

20 Jahre Berufserfahrung sind ein enormer Schatz:

  • Branchenkenntnisse: Tiefes Verständnis für Marktmechanismen und Kundenbedürfnisse
  • Netzwerk: Connections zu Kunden, Kollegen, Lieferanten und Experten
  • Praktische Erfahrung: Wissen darüber, was funktioniert und was nicht

Besonders bei Gründungen innerhalb der bisherigen Branche ist dieser Vorsprung kaum zu überschätzen.

2. Substanz statt Spontaneität

Midlife-Founder gründen nicht auf Basis einer spontanen Idee vom Wochenende. Ihre Geschäftsideen haben oft jahrelang gereift und wurden durchdacht:

  • Langjährige Beobachtung von Marktlücken
  • Realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten
  • Durchdachte Herangehensweise statt “Trial and Error”

Diese Substanz gibt Gründungen eine solidere Basis als spontane Eingebungen.

3. Ruhe und Gelassenheit

Mit 40 muss man nicht mehr die Welt revolutionieren. Diese Gelassenheit bringt Vorteile:

  • Weniger Neigung zu überstürzten Entscheidungen
  • Realistischere Erwartungen an den Gründungsprozess
  • Fokus auf nachhaltige Lösungen statt schnelle Exits

4. Finanzielle Stabilität

Oft haben Midlife-Founder etwas angespart und stehen finanziell stabiler da:

  • Weniger unmittelbarer Umsatzdruck
  • Möglichkeit, die Gründung langfristiger zu planen
  • Puffer für die Anlaufphase

5. Das perfekte Timing

Aus zeitlicher Sicht ist das Alter um die 40 oft ideal:

  • Bei einem Scheitern bleiben noch 10-15 Jahre für einen Neustart im Angestelltenverhältnis
  • Die Kinder werden selbstständiger und brauchen weniger intensive Betreuung
  • Gesundheitlich und energetisch noch voll leistungsfähig

Warum gerade jetzt?

Die Frage “Wann, wenn nicht jetzt?” wird mit 40 besonders relevant. Drei bis fünf Jahre für einen Gründungsversuch sind im Verhältnis zur Gesamtlaufbahn überschaubar – etwa so lang wie eine Ausbildung oder ein berufsbegleitendes Studium.

Gleichzeitig wächst oft der innere Drang nach mehr Selbstbestimmung:

  • “Für wen arbeite ich hier eigentlich?”
  • “Was tue ich hier wirklich?”
  • “Könnte ich das nicht besser?”

Diese Sinnfragen werden mit zunehmendem Alter drängender und finden in der Selbstständigkeit oft eine Antwort.

Der unterschätzte Trend

Midlife-Founder sind weniger sichtbar als die medial gehypten jungen Startup-Gründer, aber sie sind zahlreich und oft sehr erfolgreich. Sie gründen typischerweise:

  • Beratungsunternehmen in ihrer Branche
  • Spezialisierte Dienstleistungen
  • Handwerksbetriebe mit innovativen Ansätzen
  • Soziale oder nachhaltige Projekte

Diese Gründungen sind oft weniger spektakulär, aber nachhaltiger und profitabler als manches Startup.

Besondere Zielgruppen bei Midlife-Foundern

Besonders häufig gründen:

  • Frauen nach der Familienphase: Wenn die Kinder älter werden, entstehen neue Möglichkeiten, frühere Interessen oder Ausbildungen zu reaktivieren
  • Fachexperten: Menschen, die in ihrer Branche zu Experten geworden sind und diese Expertise selbstständig vermarkten wollen
  • Führungskräfte: Ehemalige Manager, die ihre Führungserfahrung in eigene Beratungsunternehmen einbringen

Selbstständigkeit als Lebenserfahrung

Ein wichtiger Aspekt: Sich selbstständig zu machen ist eines der intensivsten Selbsterfahrungsprogramme überhaupt. Man lernt sich selbst in einer Art kennen, die kein Coaching oder Klettergarten erreichen kann. Diese Erfahrung ist wertvoll – unabhängig vom wirtschaftlichen Erfolg.

Praktische Überlegungen für Midlife-Founder

Wenn du zu dieser Gruppe gehörst oder darüber nachdenkst, beachte folgende Punkte:

  1. Finanzplanung: Plane konservativer als ein 25-Jähriger – du hast mehr Verpflichtungen
  2. Timing: Vermeide parallele große Lebensereignisse (Hausbau, Familiengründung)
  3. Netzwerk nutzen: Deine 20 Jahre Berufserfahrung sind Gold wert – nutze sie
  4. Umlernen einplanen: Rechne damit, dass vieles anders läuft als im Angestelltenverhältnis
  5. Familie einbeziehen: Sorge für Unterstützung im privaten Umfeld

Ein Wort zum Schluss

Der Trend der Midlife-Founder zeigt: Es ist nie zu spät für einen Neuanfang. Die Kombination aus Erfahrung, Gelassenheit und dem Mut, noch einmal etwas Neues zu wagen, kann zu besonders nachhaltigen und erfüllenden Gründungen führen.

Gründen mit 40 ist vielleicht tatsächlich das neue 30 – nur mit mehr Substanz, besserer Vorbereitung und einem solideren Fundament. Wenn du schon länger mit dem Gedanken spielst: Vielleicht ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup besprechen wir gerne mit dir, wie sich deine jahrelange Berufserfahrung optimal in eine Gründung einbringen lässt und welche spezifischen Herausforderungen und Chancen sich in deiner Lebenssituation ergeben!

Die Links

Podcast Folge #21: Bin ich zu jung zum Gründen?

Podcast Folge #76: Wie halte ich die Angst vor dem Scheitern in Schach?

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#77: Wie starte ich ein Unternehmen mit wenig Kapital?

Der Podcast

Wie starte ich ein Unternehmen mit wenig Kapital?

Die Frage nach dem nötigen Startkapital beschäftigt fast alle angehenden Gründer. Während manche von Anfang an über Kredite oder Investoren nachdenken, um ihr Vorhaben zu finanzieren, lohnt es sich, zunächst einen Schritt zurückzutreten und grundsätzlich zu überlegen: Brauche ich wirklich viel Kapital für meine Geschäftsidee? Die Antwort könnte überraschend ausfallen.

Die passende Größe für deine Geschäftsidee finden

Jede Geschäftsidee hat eine natürliche, passende Größe. Ein Grafikdesigner kann als Solopreneur starten, zu zweit arbeiten oder eine große Agentur aufbauen. Ein Flughafen hingegen lässt sich nicht “klein” anfangen – hier ist von vornherein eine bestimmte Infrastruktur und damit ein hohes Kapital erforderlich.

Das Geheimnis liegt darin, die zu deinen aktuellen Möglichkeiten passende Größe zu finden. Wenn deine Geschäftsidee zwingend viel Kapital benötigt, du aber nur wenig zur Verfügung hast, ist möglicherweise die Idee zu groß für deine derzeitige Situation – nicht umgekehrt.

Die Risiken von zu viel Fremdkapital am Start

Gerade in der Gründungsphase, wenn noch nicht bewiesen ist, dass die Geschäftsidee funktioniert, kann zu viel Fremdkapital problematisch werden:

Das neue Hamsterrad

Wer von Beginn an hohe Fixkosten durch Kredite, Mieten oder Leasingraten hat, baut sich möglicherweise ein neues Hamsterrad. Die Flexibilität, die eigentlich ein Hauptvorteil der Selbstständigkeit ist, geht verloren, weil jeden Monat bestimmte Summen erwirtschaftet werden müssen.

Druck statt Kreativität

Hohe Fixkosten erzeugen Druck. Statt kreativ und experimentell an die Geschäftsentwicklung heranzugehen, stehen Gründer unter dem Zwang, schnell Umsätze zu generieren – oft nicht die beste Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg.

Unvorhergesehene Krisen

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie schnell sich Märkte verändern können. Gründer mit hohen Fixkosten standen plötzlich vor existenziellen Problemen, während flexiblere Solo-Businesses oft besser durch die Krise navigieren konnten.

Zwei strategische Ansätze

Wenn du vor der Frage stehst, wie du mit wenig Kapital starten kannst, gibt es grundsätzlich zwei Wege:

Ansatz 1: Die Geschäftsidee verkleinern (Downscaling)

Überlege, ob sich deine Idee in einer kleineren, kapitalarmen Variante umsetzen lässt:

  • Statt einem eigenen Café vielleicht zunächst ein mobiler Kaffeestand
  • Statt einem großen Lager zunächst Drop-Shipping oder Just-in-Time-Lieferung
  • Statt einem eigenen Büro zunächst Homeoffice oder Coworking

Ansatz 2: Kapital beschaffen

Wenn sich die Geschäftsidee nicht sinnvoll verkleinern lässt, führt kein Weg daran vorbei, das nötige Kapital zu beschaffen.

Förderungen: Der oft übersehene Weg

Bevor du an Kredite oder Investoren denkst, solltest du Fördermöglichkeiten prüfen. In Österreich gibt es verschiedene Anlaufstellen:

  • Wirtschaftskammer: Erste Anlaufstelle für Informationen
  • Wirtschaftsagenturen der Länder
  • AWS (Austria Wirtschaftsservice): Förderungen für innovative Projekte
  • FFG (Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft): Speziell für forschungsintensive Vorhaben

Was wird typischerweise gefördert?

  • Investitionen in Infrastruktur (Lokale, Maschinen)
  • Anlagevermögen
  • Konkrete, greifbare Investitionen

Wichtiger Hinweis: Förderungen gibt es nicht einfach “fürs Gründen”, sondern für spezifische Investitionen und Projekte.

Vorsicht bei Förderungen

Förderungen haben auch ihre Kehrseiten:

  • Bürokratischer Aufwand
  • Förderrichtlinien müssen erfüllt werden
  • Steuerliche Behandlung variiert
  • Nicht alle Förderungen sind steuerfrei

Kredite vs. Investoren: Ein wichtiger Unterschied

Wenn Förderungen nicht ausreichen und zusätzliches Kapital benötigt wird, stehen zwei Hauptoptionen zur Verfügung:

Bankkredite: Der pragmatische Weg

Vorteile:

  • Einfacher Deal: Geld gegen Zinsen
  • Bank mischt sich nicht ins Geschäft ein
  • Volle unternehmerische Kontrolle bleibt erhalten
  • In Österreich der absolut übliche Finanzierungsweg (90-95% aller Finanzierungen)
  • Planbare Kosten durch feste Zinssätze

Nachteile:

  • Regelmäßige Rückzahlungen nötig
  • Eventuell Sicherheiten erforderlich
  • Zusätzliche Fixkosten

Investoren: Der komplizierte Weg

Nachteile:

  • Investoren wollen mitreden
  • Anteile müssen abgegeben werden
  • Komplexe Verträge und Abhängigkeiten
  • Schwer wieder “loszuwerden”
  • Mögliche Interessenskonflikte

Wann sinnvoll: Investoren sind hauptsächlich für Geschäftsmodelle sinnvoll, die sehr kapitalintensiv sind und schnell skalieren sollen – typischerweise Tech-Startups mit Wachstumspotenzial.

Der Stufenplan: Eine Geschäftsidee finanziert die nächste

Ein kreativer Ansatz ist der stufenweise Aufbau:

  1. Stufe 1: Mit vorhandenem Know-how und geringem Kapital eine erste Geschäftstätigkeit starten
  2. Stufe 2: Mit den Erlösen aus Stufe 1 die nächste, größere Geschäftsidee finanzieren
  3. Stufe 3: Schritt für Schritt zum ursprünglich geplanten Ziel

Beispiel: Anstatt sofort ein Restaurant zu eröffnen, könnte man zunächst als Caterer starten, später einen Food-Truck betreiben und schließlich das Restaurant realisieren.

Praktische Schritte für kapitalarme Gründungen

  1. Ehrliche Größeneinschätzung: Welche Mindestgröße braucht deine Geschäftsidee wirklich?
  2. Kreative Verkleinerung: Wie lässt sich die Idee mit weniger Kapital umsetzen?
    • Digitale statt physische Produkte
    • Services statt Produkte
    • Outsourcing statt eigene Infrastruktur
  3. Förderungsrecherche: Systematische Prüfung aller Fördermöglichkeiten
  4. Lean Startup Methoden: Mit minimalen Mitteln testen, ob die Idee funktioniert
  5. Partnerschaften: Kooperationen statt Konkurrenz – gemeinsam nutzen statt einzeln kaufen

Die Realität akzeptieren

Manche Geschäftsideen lassen sich einfach nicht mit wenig Kapital umsetzen. Ein Kaffeehaus schrittweise aus eigenen Mitteln aufzubauen, wird nicht funktionieren. In solchen Fällen sind nur drei Optionen realistisch:

  1. Das nötige Kapital beschaffen (Förderungen, Kredite)
  2. Partner mit Kapital ins Boot holen
  3. Die Idee (vorerst) nicht verfolgen

Ein Wort zum Schluss

Die Frage “Wie starte ich mit wenig Kapital?” lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt stark von der spezifischen Geschäftsidee ab. Der Schlüssel liegt darin, ehrlich zu bewerten, was wirklich nötig ist und was nur “nice to have”.

Oft zeigt sich: Viele Geschäftsideen lassen sich kleiner und kapitalarmer starten als zunächst gedacht. Die Kunst liegt darin, den Kern der Idee zu bewahren, während man die Ausführung an die verfügbaren Ressourcen anpasst.

Denke daran: Jedes große Unternehmen hat einmal klein angefangen. Manchmal ist der bescheidene Start sogar ein Vorteil – er zwingt zur Kreativität, hält die Kosten niedrig und bewahrt die Flexibilität, die gerade in der Anfangsphase so wertvoll ist.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup helfen wir dir gerne dabei, die richtige Größe für deine Geschäftsidee zu finden und realistische Finanzierungsoptionen zu entwickeln. Gemeinsam schauen wir, wie sich deine Vision mit deinen aktuellen Möglichkeiten bestmöglich in Einklang bringen lässt!

Die Links

Podcast Folge #48: Gründen ohne Eigenkapital: Geht das?

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#76: Wie halte ich die Angst vor dem Scheitern in Schach?

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Wie halte ich die Angst vor dem Scheitern in Schach?

Die Angst vor dem Scheitern ist wohl eine der universellsten Erfahrungen im Gründungsprozess. Sie beginnt oft schon bei den ersten Gedanken an die Selbstständigkeit und kann uns während der gesamten unternehmerischen Reise begleiten. Diese Angst ist aber nicht nur normal – sie ist sogar ein Zeichen dafür, dass uns unser Vorhaben wichtig ist. Die Frage ist: Wie gehen wir konstruktiv mit ihr um?

Angst und Euphorie: Das untrennbare Paar

Ein wichtiger erster Schritt ist das Verständnis, dass Angst und Euphorie zusammengehören. In dem Moment, wo wir uns für eine Geschäftsidee begeistern und denken “Das ist eine großartige Sache, das möchte ich machen!”, meldet sich meist eine kleine Stimme: “Ja, aber was, wenn es doch nicht funktioniert?”

Diese Dynamik ist völlig natürlich. Glauben und Zweifel sind Zwillingsbrüder – sie ergänzen sich und wechseln sich ab. Der Zweifel kann sogar produktiv sein, wenn er uns dazu bringt, unsere Ideen kritisch zu hinterfragen und durchzudenken. Problematisch wird er erst, wenn er uns lähmt oder in Panik versetzt.

Strategischer Umgang: Management-Techniken nutzen

Ein bewährter Ansatz im Umgang mit der Angst vor dem Scheitern ist die Anwendung von Management-Techniken – ähnlich wie sie in etablierten Unternehmen verwendet werden:

1. Risikomanagement und Szenarioplanung

  • Erstelle verschiedene Szenarien: Was ist der Best Case, was der Worst Case?
  • Entwickle für jedes Szenario konkrete Maßnahmen (Plan A, B, C)
  • Notiere dir diese Überlegungen schriftlich – so hast du sie in schwierigen Momenten zur Hand

2. Der “leistbare Verlust” (aus der Effectuation-Theorie)

Frage dich: Was setze ich wirklich aufs Spiel? Was wäre, wenn dieses Investment verloren wäre? Würde mich das “umbringen”? Meist lautet die Antwort: Nein. Diese Erkenntnis kann sehr befreiend wirken.

3. Salami-Taktik

Statt alles auf eine Karte zu setzen, wage dich schrittweise weiter hinaus. Teste deine Idee in kleinen Schritten und reduziere so das Gesamtrisiko.

Der psychologische Aspekt: Wann und warum die Angst besonders stark wird

Die Angst vor dem Scheitern meldet sich nicht konstant, sondern zu bestimmten Zeitpunkten besonders intensiv:

  • An müden, anstrengenden Tagen
  • Nach schlechten Erfahrungen mit Kunden
  • Wenn Dinge nicht wie geplant laufen
  • In emotionalen Tiefphasen

In solchen Momenten ist es wichtig, nicht aus der Emotion heraus zu handeln. Hier helfen die bereits erarbeiteten Pläne und Szenarien – sie verhindern, dass wir in Panik verfallen und überstürzte Entscheidungen treffen.

Die Kraft des Gesprächs: Mit wem reden?

Über die eigenen Ängste und Zweifel zu sprechen, kann sehr entlastend sein. Doch Vorsicht: Mit wem du sprichst, macht einen großen Unterschied.

Wenig hilfreich sind:

  • Oberflächliche Motivationssprüche (“Es wird schon alles gut”)
  • Gespräche mit Menschen ohne unternehmerische Erfahrung
  • Personen, die deine Sorgen nicht ernst nehmen

Wirklich hilfreich sind:

  • Andere Selbstständige, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben
  • Menschen aus dem Gründer- und Unternehmerumfeld
  • Professionelle Berater oder Coaches mit systemischem Hintergrund
  • Sparringspartner, die reflektiert nachfragen und dir helfen, deine Ängste zu durchleuchten

Wenn die Angst berechtigt ist: Ein wichtiger Hinweis

Manchmal kann die Angst vor dem Scheitern auch ein berechtigtes Signal sein – nämlich dann, wenn die Geschäftsidee tatsächlich noch nicht ausgereift ist. Nicht jede Angst sollte “weggemanagt” werden. Wenn sich beim intensiven Durchdenken einer Idee alles in dir sträubt und du keine solide Basis erkennst, kann das ein Hinweis darauf sein, dass noch wichtige Elemente fehlen.

Der Rat lautet dann nicht “Sei einfach mutiger”, sondern: Arbeite weiter an deiner Idee, hole dir Expertise, tausche dich aus und schaffe eine bessere Grundlage für dein Vorhaben.

Was bedeutet “Scheitern” eigentlich?

Ein wichtiger Schritt im Umgang mit der Angst ist es, sich klar zu machen, was “Scheitern” konkret bedeuten würde. Bei einem Solo-Business in Österreich ist das oft weniger dramatisch als befürchtet:

  • Gewerbeschein abmelden
  • Finanzamt und Sozialversicherung informieren
  • Bei vorheriger Anstellung: Anspruch auf Arbeitslosengeld

Das Sicherheitsnetz in Österreich ist relativ engmaschig. Ein gescheiterter Gründungsversuch ist kein Weltuntergang, sondern ein Lernprozess, der neue Möglichkeiten eröffnen kann.

Mut: Die entscheidende Zutat

Letztendlich ist Mut die wichtigste Voraussetzung für erfolgreiches Unternehmertum. Nicht, weil erfolgreiche Unternehmer keine Angst hätten, sondern weil sie trotz der Angst handeln. Sie haben verstanden, dass Sicherheit im klassischen Sinne beim Gründen nicht existiert – wir planen immer in eine unsichere Zukunft hinein.

Der beste Weg, mit einer Angst umzugehen, ist oft: durch sie hindurchzugehen. Das bedeutet nicht, blindlings zu handeln, sondern trotz berechtigter Sorgen den nächsten Schritt zu wagen – allerdings auf einer guten Vorbereitung aufbauend.

Praktische Schritte zur Angstbewältigung

  1. Vorbereitung maximieren: Nutze die Zeit vor der Gründung, um dich so gut wie möglich zu informieren und vorzubereiten
  2. Szenarien durchdenken: Erstelle konkrete Pläne für verschiedene Entwicklungen
  3. Risiken managen: Identifiziere managbare Risiken und entwickle Gegenmaßnahmen
  4. Netzwerk aufbauen: Suche dir Gesprächspartner mit unternehmerischer Erfahrung
  5. Realistische Einschätzung: Mache dir bewusst, was im schlimmsten Fall wirklich passieren würde
  6. Schrittweise vorgehen: Teste deine Idee in kleinen Schritten, statt alles auf einmal zu riskieren

Eine Restangst bleibt – und das ist gut so

Wichtig ist die Erkenntnis: Eine gewisse Restangst wirst du nie komplett loswerden. Das ist auch gut so, denn sie hält dich wachsam und verhindert Leichtsinn. Die Kunst liegt darin, diese Angst zu respektieren, ohne sich von ihr lähmen zu lassen.

Nach einem guten Gespräch, einer Nacht Schlaf oder einfach einem schönen Erlebnis sieht die Welt oft schon wieder viel freundlicher aus. Dann kann der Mut wieder wachsen für den nächsten Schritt auf deiner unternehmerischen Reise.

Ein Wort zum Schluss

Die Angst vor dem Scheitern ist ein natürlicher Begleiter im Gründungsprozess. Statt sie zu ignorieren oder zu verdrängen, können wir sie als Hinweis ernst nehmen: auf die Bedeutung unseres Vorhabens und auf Bereiche, die noch unsere Aufmerksamkeit brauchen.

Mit der richtigen Mischung aus sorgfältiger Vorbereitung, professioneller Herangehensweise und dem Mut, trotz Unsicherheit zu handeln, wird aus der lähmenden Angst ein produktiver Antrieb für eine gut durchdachte Gründung.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup helfen wir dir gerne dabei, deine Ängste und Sorgen zu reflektieren und einen realistischen Plan für deine Gründung zu entwickeln. Manchmal braucht es nur das Gespräch mit erfahrenen Beratern, um aus lähmender Angst produktive Vorbereitung zu machen.

Die Links

Folge #70: Wann soll ich noch durchhalten, und wann bin ich schon wahnsinnig?

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