#75: Selbstständig mit Herz und Haltung – im Gespräch mit Anne Matthes

Der Podcast

Folge deinem Herzen, vertraue dem Prozess: Einblicke in eine erfolgreiche Gründungsreise

Manchmal sind es die ganz persönlichen Geschichten, die uns am meisten über das Gründen lehren. Anne Matthes, Selbstbehauptungs- und Resilienztrainerin sowie Yogalehrerin, hat ihren Weg in die Selbstständigkeit gefunden – zweimal sogar. Im Gespräch teilt sie wertvolle Einsichten über Werte, Vertrauen in den eigenen Prozess und die Kunst, sich nicht unter Wert zu verkaufen.

Von Chile nach Österreich: Zwei Gründungen, zwei Welten

Annes unternehmerische Reise begann eher zufällig in Santiago, Chile, wo sie zusammen mit ihrem damaligen Partner private Touren anbot – keine gewöhnlichen Sightseeing-Touren, sondern Erlebnisse mit Live-Cooking, Musik und individueller Betreuung. “Es ging halt wirklich um Erlebnis”, erzählt Anne. Diese erste Selbstständigkeit war spontan entstanden, aber sie vermittelte ihr einen wichtigen Geschmack: die Freiheit der Selbstbestimmung.

Zurück in Österreich folgte zunächst ein Angestelltenverhältnis. Doch die Strukturen ließen ihr keinen Raum zur Entfaltung. “Ich war einfach diese Strukturen, die konnte ich einfach nicht mehr so für mich vereinbaren”, reflektiert sie. Der Wunsch nach Freiheit war stärker – diesmal aber mit einem klaren Plan.

Die Mission: Kinder von innen heraus stärken

Annes Weg zu ihrer heutigen Tätigkeit als Resilienztrainerin begann durch ihre Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. “Ich bin schnell auf den Punkt gekommen, dass die halt sehr viele psychische Probleme schon haben und das in dem jungen Alter”, erklärt sie. Diese Beobachtung ließ sie nicht los: Wie können Kinder mental stark ins Leben starten?

Die Antwort fand sie in der Mobbingprävention und dem Resilienztraining. Ihr Ansatz: Kinder bereits im frühen Alter von innen heraus zu stärken, ihnen Handwerkszeug für den Umgang mit Konflikten zu geben und sie gegen Beleidigungen und schwierige Situationen zu wappnen.

Heute arbeitet Anne unter dem Namen “Unverwüstlich” auf zwei Säulen:

  • Roots and Wings: Selbstbehauptungs- und Resilienztraining für Kinder und Jugendliche
  • Soul and Flow: Yoga und Sound-Healing für Erwachsene

Gründen in Corona-Zeiten: Herausforderungen und Chancen

Anne startete ihre zweite Gründung während der Corona-Pandemie – eine Zeit, die für viele Gründer besondere Herausforderungen mit sich brachte. Workshops fanden nur digital statt, der persönliche Austausch fehlte. Doch Anne ließ sich nicht entmutigen. Stattdessen schuf sie sogar selbst eine Lösung: den UGP-Stammtisch (Unternehmensgründungsprogramm-Stammtisch), um Gründer miteinander zu vernetzen.

“Wir haben uns ja bei diesen Workshops getroffen und dann ist es einfach so ins Nichts verlaufen”, beschreibt sie die Ausgangssituation. Der Stammtisch wurde zu einem moderierten Austauschformat mit verschiedenen Themenschwerpunkten – von Elevator-Pitch-Tests bis hin zum gemeinsamen Feiern von Erfolgen.

Der Schlüssel: Bei den eigenen Werten bleiben

Ein zentraler Punkt in Annes Gründungsphilosophie ist die Werteorientierung. “Es ist enorm wichtig, seine Werte festzulegen. Also was möchte ich eigentlich? Was ist mir wichtig?”, betont sie. Diese Klarheit über die eigenen Werte hilft nicht nur bei wichtigen Entscheidungen, sondern auch dabei, sich nicht von den zahllosen Möglichkeiten und äußeren Einflüssen ablenken zu lassen.

Für Anne bedeutet Erfolg in erster Linie Freiheit – nicht primär Geld, sondern die Freiheit, jeden Tag selbst zu entscheiden, wann sie was tut, und auch die Möglichkeit zu haben, zu reisen und das Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten.

Social Media: Wenn der Schuh nicht passt

Ein interessantes Beispiel für die Bedeutung der Werteorientierung ist Annes Umgang mit Social Media. “Ich habe das mit Social Media, da habe ich ja voll gestart erst und auch jedes Mal wieder einen Post gemacht. Aber es hat mich so viel Zeit gekostet, aber auch Kraft”, erzählt sie. Obwohl Social Media für viele Unternehmen funktioniert, erkannte Anne, dass es für sie nicht der richtige Weg war.

“Ich glaube immer, wenn Anstrengung, also viel Anstrengung ist, dann ist es nicht das Richtige”, ist ihre Erkenntnis. Diese Haltung zeigt: Erfolgreiche Selbstständigkeit bedeutet nicht, alle gängigen Marketing-Methoden zu kopieren, sondern die zu finden, die zur eigenen Persönlichkeit und zu den eigenen Werten passen.

Unternehmerische Resilienz: Flexibel, aber nicht beliebig

Als Resilienztrainerin wendet Anne ihre Expertise auch auf das Unternehmertum an. Die Kunst liegt darin, wie ein Bambus zu sein – flexibel, aber nicht beliebig. “Man sollte schon seinem Weg gehen, aber trotzdem sollte ich natürlich nach links und rechts schauen, eben um den Fluss überhaupt mitzubekommen”, erklärt sie.

Diese unternehmerische Resilienz zeigt sich auch in ihrer Haltung gegenüber Herausforderungen. Für Anne sind Unsicherheiten und Schritte aus der Komfortzone natürliche Bestandteile des Wachstums: “Was habe ich zu gewinnen und was habe ich zu verlieren? […] Es stecken einfach nur Chancen hinter so einen Schritt, den Schritt in die Unsicherheit quasi.”

Der Wert der eigenen Arbeit: Nicht unter Wert verkaufen

Eine der wichtigsten Lektionen aus ihrer ersten Gründung war die Erkenntnis, sich nicht unter Wert zu verkaufen. “Wir haben den Fehler gemacht, uns sehr unter Wert zu verkaufen, also um erstmal Kunden zu gewinnen”, reflektiert Anne. Der Gedanke, zunächst günstig zu sein und später die Preise zu erhöhen, erwies sich als Trugschluss.

Heute weiß sie: “Du wirst die richtigen Kunden finden, die auch das Geld investieren in dich, wenn du dir selber das wert bist.” Dahinter steht oft ein tiefer liegendes Thema: die eigene Selbstwertarbeit. Wer den eigenen Wert nicht erkennt, kann ihn auch anderen nicht vermitteln.

Vertrauen in den Prozess

Ein wiederkehrendes Thema in Annes Geschichte ist das Vertrauen in den eigenen Prozess. Während ihrer Gründungsphase machte sie eine Reise nach Australien – ein Schritt, den viele als “verrückt” bezeichnet hätten, da ihr Unternehmen noch nicht etabliert war.

Doch diese Auszeit erwies sich als wertvoll: “Als ich aus Australien zurückkam, haben diese Samen, die ich gesät hatte vor der Reise, dann angefangen zu wachsen.” Gleichzeitig gewann sie durch die Distanz eine neue Perspektive auf ihren Gründungsprozess und konnte die bereits erreichten Meilensteine würdigen.

Praktische Tipps für Gründer

Aus ihrer Erfahrung als Resilienztrainerin und Gründerin gibt Anne konkrete Empfehlungen:

  1. Wertearbeit leisten: Mit Hilfe von Wertelisten die eigenen Kernwerte identifizieren
  2. Ruhe und Abstand schaffen: Sich bewusst Inseln der Ruhe gönnen, um in sich hineinzuhören
  3. Bei sich bleiben: Nicht alle Trends mitmachen, sondern schauen, was wirklich zur eigenen Persönlichkeit passt
  4. Chancen in Herausforderungen sehen: Fragen “Was habe ich zu gewinnen?” statt nur auf Risiken zu fokussieren

Annes Drei-Punkte-Tipp für Gründer

Zum Abschluss fasst Anne ihre wichtigsten Erkenntnisse in drei Punkten zusammen:

  1. Folge deinem Herzen: Authentizität ist der Schlüssel zu nachhaltiger Selbstständigkeit
  2. Vertraue dem Prozess: Nicht alles läuft nach Plan, aber oft entwickeln sich die Dinge besser als gedacht
  3. Verkaufe dich nicht unter Wert: Wer den eigenen Wert nicht erkennt, kann ihn auch anderen nicht vermitteln

Ein Wort zum Schluss

Annes Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass erfolgreiche Selbstständigkeit nicht nur eine Frage der richtigen Strategie oder Technik ist, sondern vor allem eine Frage der inneren Haltung. Wer seine Werte kennt, dem eigenen Prozess vertraut und sich dabei nicht unter Wert verkauft, schafft die Grundlage für eine erfüllende und erfolgreiche Selbstständigkeit.

Ihre Entwicklung von “Unverwüstlich” – ursprünglich kantig und stark – hin zu einem Unternehmen mit zwei Säulen, das auch weiche, runde Aspekte integriert, zeigt außerdem: Solo-Businesses können und dürfen sich entwickeln, solange sie authentisch bleiben.

Für alle, die sich gerade auf dem Weg in die Selbstständigkeit befinden oder bereits mittendrin sind: Manchmal ist es wichtig, einen Schritt zurückzutreten, auf die eigenen Werte zu hören und dem eigenen Prozess zu vertrauen. Die Früchte kommen oft dann, wenn man sie am wenigsten erwartet.

Übrigens: Falls du Unterstützung bei der Klärung deiner eigenen Werte und deines Weges in die Selbstständigkeit suchst, bieten wir gerne einen kostenlosen Gründungs-Checkup an. Gemeinsam können wir schauen, wie du deinen authentischen Weg findest und dabei erfolgreich wirst!

Die Links

Anne Matthes’ Website, auf der sie ihre zwei Geschäftsbereiche vorstellt:

  • “Roots and Wings” (Selbstbehauptung und Resilienz)
  • “Soul and Flow” (Yoga und Sound)

Den Podcast abonnieren

SpotifyApple PodcastsAmazon MusicYouTube

#74: Wie finde ich meine ersten zahlenden Kunden?

Der Podcast

Wie finde ich meine ersten zahlenden Kunden?

Die Frage nach den ersten zahlenden Kunden ist eine der kritischsten für Gründerinnen und Gründer. Während die meisten Aspekte der Unternehmensgründung planbar sind – vom Gewerbeschein bis zur Website – bleibt die Kundengewinnung oft ein mysteriöses Terrain. Dabei entscheidet gerade dieser Faktor maßgeblich über den Erfolg deines Starts in die Selbstständigkeit.

Die Kundenherausforderung: Zwei Seiten einer Medaille

Interessanterweise kann sowohl das Fehlen als auch das Vorhandensein erster Kunden beim Start eine Herausforderung darstellen:

Szenario 1: Kein Kunde beim Start

Viele Gründungen verlaufen zunächst nach Plan: Gewerbeanmeldung, Webseite, Visitenkarten – alles ist vorbereitet. Doch dann folgt die Stille. Keine Anfragen, keine Aufträge, keine Einnahmen. Diese Situation erzeugt nicht nur finanziellen Druck, sondern nagt auch am Selbstvertrauen: War die Geschäftsidee vielleicht doch nicht so gut?

Szenario 2: Bereits ein Kunde beim Start

Das scheinbar ideale Szenario – direkt mit einem zahlenden Kunden zu starten – birgt eigene Tücken. Wenn du dich zu stark auf diesen ersten Kunden konzentrierst und dein Angebot zu speziell darauf zuschneidest, stellst du möglicherweise erst nach Abschluss des Projekts fest, dass du keine klare Strategie für die Gewinnung weiterer Kunden hast. Du stehst dann, bildlich gesprochen, “im Tal ohne Ausrüstung für den nächsten Berg”.

Wo kommen die ersten Kunden wirklich her?

Die Erfahrung zeigt: Die ersten zahlenden Kunden kommen fast immer aus dem erweiterten persönlichen Umfeld. Aber Vorsicht – es gibt hier wichtige Unterscheidungen:

Nicht ideale Erstkundenmärkte:

  • Familie: Sie möchten dich unterstützen, sind aber selten objektiv und repräsentieren selten deine echte Zielgruppe
  • Enge Freunde: Ähnlich wie bei der Familie fehlt hier oft die kritische Distanz

Der ideale Nährboden für erste Kunden:

  • “Weak Ties” – die schwachen Bindungen: Diese Kontakte sind das Gold wert für deine ersten Kunden
    • Ehemalige Arbeitskollegen
    • Frühere Schulkollegen oder Studienkollegen
    • Vereinsmitglieder
    • Geschäftspartner aus früheren Projekten
    • Bekannte aus dem weiteren sozialen Umfeld

Diese “schwachen Bindungen” haben entscheidende Vorteile: Sie kennen und schätzen dich bereits, sind aber distanziert genug, um objektiv zu entscheiden, ob sie dein Angebot wirklich brauchen.

Der Schlüssel: Klarheit und Wiederholung

Um dein erweitertes Netzwerk effektiv zu nutzen, sind zwei Faktoren entscheidend:

1. Klarheit in deiner Botschaft

Je klarer du ausdrücken kannst, was genau du anbietest und für wen, desto einfacher ist es für andere, dich weiterzuempfehlen. Unklare oder komplizierte Botschaften werden durch “stille Post” noch verwässert, bis sie beim potenziellen Kunden ankommen.

2. Konsequente Wiederholung

Ein häufiger Fehler: Gründer erwähnen ihre Geschäftsidee ein- oder zweimal und wundern sich, warum nichts passiert. Die Wahrheit ist:

  • Das menschliche Gehirn braucht Wiederholung, um Informationen zu verankern
  • Deine Kontakte sind mit ihrem eigenen Leben beschäftigt und nehmen neue Informationen nur bruchstückhaft auf
  • Erst wenn du deine Botschaft so oft wiederholt hast, dass es dir “zum Hals raushängt”, beginnt sie bei anderen anzukommen

Ein Marketing-Grundsatz besagt: Wenn du denkst, dass jeder deine Botschaft kennt, haben die meisten sie gerade zum ersten Mal richtig wahrgenommen.

Der “Elterntest” als praktische Methode

Ein einfacher, aber effektiver Test zur Überprüfung deiner Kommunikationsklarheit ist der “Elterntest”:

Könnten deine Eltern einem Nachbarn korrekt erklären, was du beruflich machst?

Wenn ja, ist deine Botschaft klar genug. Wenn nicht, arbeitest du weiter an der Vereinfachung und Präzisierung.

Diese Methode funktioniert, weil sie den schwierigsten Fall simuliert: Menschen, die zwar wohlwollend, aber oft nicht tief in deiner Branche verankert sind, sollen dein Angebot verstehen und weitergeben können.

Jedes Gespräch ist eine Gelegenheit

Selbst wenn ein potenzieller Kunde nicht direkt zu einem Auftrag führt, kann jedes Gespräch wertvoll sein:

  • Die Person kann dich später weiterempfehlen
  • Du erhältst wertvolles Feedback zu deinem Angebot
  • Dein Netzwerk erweitert sich mit jedem Kontakt

Betrachte jedes Gespräch als Gelegenheit, nicht nur für direkte Geschäfte, sondern auch für die Erweiterung deines Netzwerks und die Verfeinerung deiner Botschaft.

Konkurrenten als potenzielle Türöffner

Ein oft übersehener Weg zu ersten Kunden führt über vermeintliche Konkurrenten. Etablierte Anbieter in deiner Branche können überraschende Verbündete sein:

  • Sie haben möglicherweise mehr Anfragen, als sie bewältigen können
  • Manche Kundenanfragen passen nicht ideal zu ihrem Angebot, aber vielleicht perfekt zu deinem
  • Sie spezialisieren sich möglicherweise auf andere Bereiche als du

Statt Konkurrenzdenken kann eine kooperative Haltung den Weg zu deinen ersten Kunden ebnen. Frage dich: “Wie kann ich anderen Anbietern in meiner Branche nützlich sein?”

Praktische Schritte zur Gewinnung erster Kunden

  1. Kartiere dein erweitertes Netzwerk: Erstelle eine Liste deiner “Weak Ties” – all jener Menschen, die dich kennen, aber nicht zu deinem engsten Kreis gehören
  2. Formuliere deine Botschaft glasklar: Arbeite so lange an deiner Selbstbeschreibung, bis sie in ein bis zwei Sätzen verständlich ist
  3. Teile konsequent und wiederholt: Kommuniziere dein Angebot kontinuierlich in allen geeigneten Kanälen – persönlich, auf LinkedIn, bei Netzwerkveranstaltungen
  4. Entwickle ein Empfehlungssystem: Mache es deinem Netzwerk leicht, dich weiterzuempfehlen (z.B. durch klare Beschreibungen, die sie kopieren können)
  5. Überprüfe mit dem “Elterntest”: Frage regelmäßig nach, wie andere dein Angebot verstehen und ob sie es weitergeben könnten
  6. Suche aktiv nach Kooperationsmöglichkeiten: Identifiziere etablierte Anbieter in deiner Branche und überlege, wie eine Win-Win-Zusammenarbeit aussehen könnte

Ein Wort zum Schluss

Der Weg zu den ersten zahlenden Kunden ist selten eine gerade Linie. Es ist ein Prozess aus Kommunikation, Geduld und strategischer Netzwerkarbeit. Die gute Nachricht: Diese ersten Kunden sind der schwerste Teil. Sobald du einige zufriedene Kunden hast, werden diese zu deinen besten Werbeträgern und erleichtern die Gewinnung weiterer Aufträge erheblich.

Denke daran: Fast jedes erfolgreiche Unternehmen hat mit einem ersten, oft mühsam gewonnenen Kunden begonnen. Die Kunst besteht darin, diesen ersten Schritt nicht dem Zufall zu überlassen, sondern systematisch daran zu arbeiten – mit Klarheit, Ausdauer und dem richtigen Netzwerk.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup unterstützen wir dich gerne dabei, deine individuelle Strategie zur Kundengewinnung zu entwickeln. Gemeinsam analysieren wir dein Netzwerk, schärfen deine Botschaft und identifizieren die vielversprechendsten Wege zu deinen ersten zahlenden Kunden!

Den Podcast abonnieren

SpotifyApple PodcastsAmazon MusicYouTube

#73: Wann ist meine Geschäftsidee reif?

Der Podcast

Wann ist meine Geschäftsidee reif für den Markt?

Eine der häufigsten Fragen, die Gründungsberater hören, ist: “Ist meine Geschäftsidee reif?” Diese Frage ist mehr als verständlich – immerhin steht dahinter der Wunsch nach Sicherheit und die Hoffnung, den perfekten Zeitpunkt für den Start zu finden. Doch gibt es diesen magischen Moment überhaupt? Und woran erkennt man, dass eine Geschäftsidee wirklich “reif” ist?

Die Illusion des perfekten Timings

Stellen wir zunächst etwas Wichtiges klar: Den idealen Zeitpunkt, wie beim Skispringen genau im perfekten Moment abzuspringen, gibt es in der Gründungswelt nicht. Wer darauf wartet, am 15. April 2025 um exakt 10:34 Uhr seine reife Idee zu präsentieren, wird möglicherweise nie starten.

Die Wahrheit ist: Eine Geschäftsidee reift nicht von selbst zur Perfektion, sondern durch einen bewussten Prozess der Auseinandersetzung, Anpassung und Konkretisierung. Und selbst mit bester Vorbereitung bleibt ein Restrisiko – denn der Markt, die Wirtschaft und das eigene Leben sind dynamische Größen, die sich ständig verändern.

Von der ersten Idee zum individualisierten Konzept

Viele Gründer leiden an der “Ersten-Idee-itis” – der Tendenz, die allererste Idee sofort umsetzen zu wollen. Doch gerade im Reifungsprozess liegt die Chance, aus einer guten Idee eine wirklich herausragende zu machen:

  • Über den ersten Einfall hinausdenken: Statt der erstbesten Idee zu folgen, lohnt es sich, ein- oder mehrmals “um die Ecke zu denken”
  • Persönliche Note entwickeln: Eine reife Geschäftsidee trägt deine individuelle Handschrift und wird nicht einfach kopiert
  • Vom Modell zum Maßanzug: Der Reifungsprozess verwandelt eine allgemeine Idee in einen auf dich zugeschnittenen “Maßanzug”

Eine gereifte Geschäftsidee ist eine, die du nicht nur umsetzen kannst, sondern die wirklich zu dir passt – zu deinen Werten, deinen Stärken und deinem angestrebten Lebensmodell.

Die Tomaten-Analogie: Nicht zu früh, nicht zu spät

Wie bei Tomaten (Paradeisern) gibt es für Geschäftsideen unterschiedliche Reifegrade:

  • Unreif/grün: Die Idee ist noch im Anfangsstadium, braucht Entwicklung
  • Reif: Die Idee hat ihre optimale Form erreicht
  • Überreif: Die Idee wurde zu lange zurückgehalten, der Markt hat sich möglicherweise schon verändert

Interessanterweise kann man aus einer “grünen” Idee bereits etwas machen – wie man auch aus grünen Tomaten bestimmte Gerichte zubereiten kann. Andererseits kann eine überreife Idee genau zum richtigen Zeitpunkt kommen, wenn der Markt gerade bereit dafür ist.

Die Kunst liegt darin, den für dich und deine spezifische Idee passenden Reifegrad zu finden.

Die Hummeln im Hintern: Das innere Signal

Ein deutliches Zeichen für die Reife einer Geschäftsidee ist das, was der bekannte Entrepreneurship-Professor Günther Faltin als “Hummeln im Hintern” bezeichnet – dieses innere Kribbeln und die kaum zu bändigende Ungeduld, endlich starten zu wollen.

Wenn du diese Kombination erlebst:

  • Du hast deine Idee von allen Seiten betrachtet und durchdacht
  • Du findest keine fundamentalen Schwachstellen mehr
  • Du spürst dieses innere Kribbeln und die Begeisterung
  • Du hast das Gefühl, jetzt muss es endlich losgehen

…dann ist deine Geschäftsidee wahrscheinlich so reif, wie sie unter den gegebenen Umständen sein kann.

Mit wem über die Reife sprechen?

Eine entscheidende Erkenntnis: Die Einschätzung, ob deine Geschäftsidee reif ist, hängt stark davon ab, mit wem du darüber sprichst. Hier lauern potenzielle Fallstricke:

Vorsicht bei ausschließlich diesen Gesprächspartnern:

  • Familie und Freunde ohne unternehmerische Erfahrung: Sie meinen es gut, können aber die unternehmerischen Herausforderungen nicht richtig einschätzen
  • Rein theoretische Berater: Menschen, die selbst nie gegründet haben, fehlt oft das Gespür für den richtigen Zeitpunkt
  • Personen mit komplett anderer Risikobereitschaft: Sie projizieren ihre eigenen Ängste oder Übermut auf deine Situation

Die richtigen Sparringspartner finden:

  • Andere Selbstständige, die diesen Prozess bereits durchlaufen haben
  • Gründungsberater mit praktischer Erfahrung
  • Menschen aus deiner Zielgruppe (potenzielle Kunden)

Der Mythos der umfassenden Marktanalyse

Ein verbreiteter Irrglaube ist, dass eine umfassende Marktanalyse Sicherheit über die Reife einer Geschäftsidee geben kann. Besonders für Solo-Selbstständige und kleine Unternehmen ist dieser Ansatz oft ineffizient:

  • Excel-Tabellen vs. echte Gespräche: Eine wirklich wertvolle “Marktanalyse” besteht aus Gesprächen mit potenziellen Kunden, nicht aus theoretischen Berechnungen
  • Begrenzte Ressourcen sinnvoll einsetzen: Die Zeit, die in komplexe Analysen fließt, könnte oft besser für erste Kundenkontakte genutzt werden
  • Der “winzige Fisch im großen Ozean”: Als kleines Startup siehst du nur einen minimalen Ausschnitt des Marktes – deine Analyse ist zwangsläufig unvollständig

Die wirkliche Marktreife testest du am besten durch direkte Konfrontation mit dem Markt – so früh wie möglich.

Den Schritt wagen: Reif genug ist besser als perfekt

Letztendlich kommt der Punkt, an dem du einfach starten musst:

  • Es wird nie 100% reif sein: Warte nicht auf absolute Perfektion
  • Der Dialog mit Kunden reift die Idee weiter: Erst im Kundenkontakt erfährst du, was wirklich funktioniert
  • Reife ist ein fortlaufender Prozess: Auch nach dem Start entwickelt sich deine Geschäftsidee weiter

Die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis: Eine Geschäftsidee, die nie den Markt erreicht, kann niemals reif werden. Der echte Reifungsprozess beginnt erst mit dem Kundenkontakt.

Praktische Schritte zum Überprüfen der Reife

  1. Ehrliches Selbstgespräch: Stell dir die Frage, ob du wirklich an diese Idee glaubst und für sie brennst
  2. Sparring mit den richtigen Personen: Suche bewusst Feedback von Menschen mit relevanter Erfahrung
  3. Minimale Marktprüfung: Sprich mit 5-10 potenziellen Kunden über ihre Bedürfnisse und deine Lösungsidee
  4. Bauchgefühl beachten: Wenn die Hummeln kribbeln, ist das ein kraftvoller Indikator
  5. Ressourcencheck: Verfügst du über die nötigen Ressourcen (finanziell, zeitlich, emotional), um jetzt zu starten?

Die Frage neu formulieren

Vielleicht ist die bessere Frage nicht “Ist meine Geschäftsidee reif?”, sondern:

  • “Lohnt es sich, an dieser Idee weiterzufeilen?”
  • “Welche Perspektiven habe ich noch nicht bedacht?”
  • “Was ist mein nächster konkreter Schritt, um diese Idee zu testen?”

Die Umdeutung von einem passiven “Warten auf Reife” zu einem aktiven “Arbeiten an der Reife” macht dich vom Beobachter zum Gestalter deines Gründungsprozesses.

Ein Wort zum Schluss

Eine Geschäftsidee reift nicht wie eine Frucht am Baum – sie reift durch deine aktive Auseinandersetzung, durch Gespräche, durch Reflexion und letztlich durch den Mut, sie der Welt zu präsentieren. Der beste Indikator für Reife ist nicht eine Checkliste oder eine perfekte Analyse, sondern die Kombination aus gründlicher Überlegung und dieser unwiderstehlichen inneren Stimme, die sagt: “Jetzt ist es soweit.”

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup bieten wir dir gerne die Möglichkeit, deine Geschäftsidee auf Herz und Nieren zu prüfen und gemeinsam einzuschätzen, wo du im Reifungsprozess stehst. Manchmal braucht es nur diesen externen Blick, um die letzten Zweifel auszuräumen – oder um zu erkennen, woran du noch feilen solltest.

Die Links

Podcast-Folge: Welche versteckten Kosten sollte ich beim Start beachten?

Prof. Günter Faltin

Den Podcast abonnieren

SpotifyApple PodcastsAmazon MusicYouTube

#72: Welche versteckten Kosten sollte ich beim Start beachten?

Der Podcast

Welche versteckten Kosten sollte ich beim Start in die Selbstständigkeit beachten?

Wer den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, hat meist die offensichtlichen Kosten im Blick: Gewerbeschein, Büroausstattung, Marketingmaterialien. Doch gerade die versteckten Kosten können zur unerwarteten Belastung werden und die Startphase erschweren. Ein genauer Blick hinter die Kulissen des Gründungsprozesses lohnt sich daher für jeden angehenden Unternehmer.

Die direkten Verwaltungskosten: Oft geringer als gedacht

Beginnen wir mit einer guten Nachricht: Die reinen administrativen Kosten der Gründung sind in vielen Fällen überraschend niedrig. Besonders bei einem Ein-Personen-Unternehmen (EPU) fallen folgende Kosten an:

Für Solo-Selbstständige mit freiem Gewerbe:

  • Gewerbeanmeldung: In der Regel kostenfrei für freie Gewerbe
  • Anmeldung bei der Sozialversicherung der Selbstständigen (SVS): Kostenfrei, jedoch folgt die Unfallversicherung (ca. 150 € jährlich)
  • Anmeldung beim Finanzamt: Kostenfrei

Bei reglementierten Gewerben:

  • Eventuell zusätzliche Kosten für Befähigungsnachweise, Prüfungen oder Ausbildungen
  • Mögliche Kosten für behördliche Genehmigungen je nach Branche

Bei Gesellschaftsgründungen (GmbH, KG etc.):

  • Kosten für den Gesellschaftsvertrag
  • Notarkosten
  • Firmenbucheintrag
  • Gegebenenfalls höhere Steuerberatungskosten durch komplexere Buchhaltung

Die Steuerberatungskosten: Abwägen zwischen Selbermachen und Outsourcing

Als Einzelunternehmer kannst du viele steuerliche Angelegenheiten selbst erledigen:

  • Einnahmen-Ausgaben-Rechnung
  • Umsatzsteuermeldungen
  • Einkommensteuererklärung

Delegierst du diese Aufgaben an einen Steuerberater, entstehen Kosten, die je nach Umfang der Leistungen und Komplexität deines Geschäftsmodells variieren. Diese Kosten sollten als fixe monatliche oder quartalsweise Ausgaben eingeplant werden.

Die wahren versteckten Kosten: Opportunitätskosten

Die wohl bedeutendsten, aber am leichtesten übersehenen Kosten sind die sogenannten Opportunitätskosten. Diese entstehen nicht durch direkte Ausgaben, sondern durch entgangene Alternativen:

Entgangenes Einkommen

Jede Stunde, die du in deine Selbstständigkeit investierst:

  • Ist eine Stunde, in der du kein Gehalt aus einer Anstellung beziehst
  • Bedeutet möglicherweise mehrere Monate ohne regelmäßiges Einkommen
  • Kann in der Startphase zu einem erheblichen “Investment” werden, wenn du etwa drei Monate ohne Einkommen rechnest

Zeit als kostbare Ressource

Zeit, die du in den Aufbau deiner Selbstständigkeit steckst, steht nicht zur Verfügung für:

  • Familie und Freunde
  • Erholung und Gesundheit
  • Andere berufliche oder persönliche Projekte

Diese “weichen” Kosten werden oft unterschätzt, können aber auf lange Sicht erhebliche Auswirkungen haben – sowohl finanziell als auch auf deine Lebensqualität und Beziehungen.

Startinvestitionen: Je nach Branche unterschiedlich

Abhängig von deinem Geschäftsmodell können weitere Kosten hinzukommen:

  • Technische Ausstattung: Computer, Software, Spezialgeräte
  • Räumlichkeiten: Miete, Kaution, Betriebskosten
  • Marketing: Website, Visitenkarten, Werbeaktionen
  • Warenlager: Erstausstattung, Mindestbestand
  • Versicherungen: Berufshaftpflicht, Rechtsschutz, zusätzliche Krankenversicherung

Unsichtbare Kostenfallen im Gründungsprozess

Umwege und Lernkurven

Ohne professionelle Beratung oder Erfahrungsaustausch mit anderen Selbstständigen riskierst du:

  • Fehlinvestitionen in ungeeignete Tools oder Marketingmaßnahmen
  • Zeitverlust durch “Umwege” im Gründungsprozess
  • Kostspielige Fehlentscheidungen aus Unwissenheit

Wachstumsbedingte Mehrkosten

Mit steigendem Erfolg können unerwartete Kostensprünge entstehen:

  • Überschreiten der Umsatzsteuergrenze (35.000 €)
  • Höhere Sozialversicherungsbeiträge nach der ersten Nachbemessung
  • Notwendige Erweiterung der Infrastruktur

Praktische Tipps für den Umgang mit versteckten Kosten

1. Realistisches Finanzpolster einplanen

Sorge für ausreichende Rücklagen, um mindestens 3-6 Monate ohne substanzielle Einnahmen überbrücken zu können.

2. Zeit bewusst budgetieren

Plane feste Zeiten für dein Business, aber auch für Erholung und soziale Kontakte ein. Ein ausgewogenes Leben hilft, langfristig erfolgreich zu sein.

3. Fachwissen und Beratung nutzen

Investiere in gute Beratung – sei es durch:

  • Gründungsberater
  • Wirtschaftskammer-Angebote
  • Netzwerke mit anderen Selbstständigen

Diese Investition zahlt sich durch vermiedene Fehler und schnelleren Erfolg mehrfach aus.

4. Kosten-Nutzen-Rechnung bei Investitionen

Stelle dir bei jeder Ausgabe die Frage:

  • Welchen konkreten Mehrwert bringt mir diese Investition?
  • Gibt es günstigere Alternativen mit ähnlichem Nutzen?
  • Kann ich diese Investition zeitlich strecken oder später tätigen?

5. Regelmäßige Kostenüberprüfung

Überprüfe in regelmäßigen Abständen alle laufenden Kosten und passe sie bei Bedarf an:

  • Welche Abonnements und Services nutze ich wirklich?
  • Wo gibt es Einsparpotenzial ohne Qualitätsverlust?
  • Welche Aufgaben kann ich effizienter gestalten?

Ein Wort zum Schluss

Die versteckten Kosten einer Gründung haben oft weniger mit direkten Geldausgaben zu tun als mit bewussten Entscheidungen darüber, wie du deine Ressourcen – Zeit, Energie und Aufmerksamkeit – einsetzt. Eine interessante Perspektive ist, dass die meisten Gründer mehr Geld für ihr Auto ausgeben als für die direkten Kosten ihrer Gründung. Dies zeigt, dass es oft nicht die finanziellen Investitionen sind, die die größte Hürde darstellen.

Die wahre Investition liegt in deiner Bereitschaft, Zeit und Energie in dein Projekt zu stecken, und in deiner Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und Entscheidungen zu treffen. Mit einem klaren Bewusstsein für diese “versteckten” Aspekte kannst du deine Gründung planvoller und nachhaltiger gestalten.

Übrigens: In einem kostenlosen Gründungs-Checkup unterstützen wir dich gerne dabei, alle Kosten deiner Gründung transparent zu machen. Mit unserem speziellen Tool können wir gemeinsam einen realistischen Finanzplan erstellen, der dir Sicherheit für deinen Start in die Selbstständigkeit gibt.

Den Podcast abonnieren

SpotifyApple PodcastsAmazon MusicYouTube